„Gutes tun“

Ralph Dobelli beschreibt in seinem (großartigen!) Buch über Denkirrtümer das Beispiel eines reichen Anwalts, der etwas Gutes für die Welt tun will. Weil in seinem Dorf gerade eine „Vogelhäuschen-bauen für den guten Zweck“-Aktion stattfindet, opfert der Anwalt ein paar Tage um gemeinsam mit anderen zu sägen. Er tut der Welt etwas Gutes – alle sind zufrieden.

Nicht so Dobelli. Er argumentiert, dass der Anwalt letztlich seine kostbare Lebenszeit vergeudet hat. Er hätte stattdessen arbeiten sollen und von dem erworbenen Lohn zwei Schreiner bezahlen, die in der gleichen Zeit viel mehr und viel bessere Vogelhäusschen hätten bauen können. Da hätte er nicht nur der Welt etwas Gutes getan, sondern auch noch dem Schreiner Arbeit beschafft.

„Volunteer’s Folly“ nennen Ökonomen diese Entscheidung und Dobellis Fazit lautet denn auch: Wer Gutes tun will, solle lieber Geld spenden, statt selbst tätig zu werden.

Ich habe lange mit dieser Geschichte gerungen. Sie klingt so nüchtern. Kalt.
Ich habe eine Weile gebraucht, um zu verstehen, weshalb ich mich Dobelli nicht anschließe und den Grund am Ende im Krankenhaus gefunden.
Mehr Zeit als nötig habe ich in Krankenhäusern verbracht und gehofft, gebangt, gebetet. Und manchmal, oft, ging alles gut aus und manchmal, oft, war das Ende ein wirkliches Ende. Was fängt man damit an? Beantwortet Gott Gebete? Vielleicht nur manche Gebete? Immer dienstags? Oder lautet die Antwort einfach manchmal „nein“? Es ist zum verrückt werden. Wenn Gott seinen eigenen Wegen folgt, wozu dann überhaupt beten?

Aber. Aber!

Vielleicht geht es ja beim Gebet nicht nur um Gott, sondern auch um mich. Anteilnahme, hoffen, beten, bangen verbindet uns mit den Menschen und Situationen, an die wir denken. Beten vergrößert meine Perspektive. Beten schenkt mir ein größeres Herz. Es verändert mich.

Objektiv betrachtet hat Dobelli recht: Mit dem teuren Stundenlohn eines Anwalts lässt sich mehr anfangen, als mit dessen bescheidenen, handwerklichen Fähigkeiten. Aber – und das ist für mich ein wichtiger Punkt – es geht auch um den Anwalt selbst. Er wird sich verändern, wenn er Zeit opfert, wenn er Anteil nimmt.

Und das führt mich letztlich zu der Frage, an welchen Stellen meines Lebens ich Veränderung brauche. Wo mir mehr Anteilnahme, mehr Ruhe mehr Mitgefühl gut täte.

Und da bin ich dann ganz weit weg von Dobelli.

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