Die große Trauer zwischen „Nostalgie-“ und „Fantasie-Effekt“

Ich bin gerade ein bisschen müde. Social-Media-müde vor allem. Und Nachrichten-müde. Aber nicht nur. Mal erklären mir freundliche Menschen aus dem Internet, wie ich meinen Beruf zu verstehen habe, mal sinnieren andere darüber, wie furchtbar alles geworden ist. Früher war nicht nur Twitter besser, auch Star Trek und die Politik und der Umweltschutz.

Über Josh Sundquist bin ich auf einen Graphen gestolpert, der – wie mir heute scheint – die ganze Welt erklärt.

Man denke an eine x-beliebige Situation:

  • „Star Trek war früher mega. Aktuell ist es nur noch öde. Aber hoffentlich wird die Serie „Picard“ wieder toll.“
  • „Früher konnte man bei Twitter noch diskutieren. Aber heute ist das schlimm. Dabei wäre es so einfach, das wieder hinzukriegen!“
  • „Unter Jürgen Klopp hat Dortmund noch richtig guten Fußball gespielt. Aktuell ist das unansehnlich und erst mit einem neuen Trainer wird das wieder famos!“
  • „Meine Schule ist im Aufbau. Der Zauber des ersten Jahres ist verloren. Das kann nur wieder was werden, wenn man XY ändert.“

Je länger ich ihn betrachte, desto mehr Beispiele fallen mir ein:

  • „Früher war meine Ehe super. Aktuell ist es furchtbar. Aber mit meinem nächsten Partner…!“
  • „Früher konnten die Schüler noch lesen und schreiben – aber die aktuelle Generation ist verloren. Man müsste…“
  • „Früher waren die Blogartikel lustiger. Und in Zukunft werden sie bestimmt auch wieder lustiger!“ 

Ich merke, dass es mich gerade Mühe kostet, diese depressive Delle auszuwuchten. Ich kann ständiges Gejammer ebenso wenig leiden wie Zynismus.

Aber natürlich wirft das die Frage auf, wie ich denn mein eigenes Leben betrachte. Oder vielmehr: Betrachten möchte! Im Ohr ist mir der (furchtbare) Ausspruch meines Großvaters geblieben, der irgendwann über sein Leben sagte: „Ach, die besten Filme sind gelaufen!“
Nie habe ich etwas als so niederschmetternd empfunden wie diesen Satz. Er prägt mich bis heute. Wie sieht es aus, wenn ich mich im Spiegel ansehe: Kommt da noch was aufregendes oder war es das?

Versuche ich, mein Leben in einen Graphen zu pressen, sähe er wohl so aus:

Und ich möchte auch nichts anderes erwarten. Ich käme morgens nicht aus dem Haus.

Also bitte, liebe Zyniker und „Menschen aus dem Internet, die mir erklären, was ich alles falsch mache“: Spart es euch.

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