Wegweiser und wegweiser

Aktuell beschäftigt mich der Gedanke, wie maßgeblich wir Lehrer Bildungskarrieren befördern oder bremsen, wo wir Türen öffnen oder schließen.

Eine unserer Lehramtsanwärterinnen absolviert nächste Woche ihr Staatsexamen und ich hatte ihr angeboten, Kolloquium zu üben. In Nordrhein-Westfalen besteht das zweite Staatsexamen aus zwei vorgezeigten Stunden (die in Summe mindestens mit „ausreichend“ bewertet werden müssen) und einer anschließenden, einstündigen, mündlichen Prüfung. Dieses Kolloquium beginnt mit einem kurzen, fünfminütigen Vortrag, aus dem sich dann in Form eines Gesprächs der weitere Verlauf ergibt.

Ich habe das Glück, immer wieder mit überaus talentierten und engagierten Referendar*Innen zusammenarbeiten zu dürfen und diese Kollegin macht da keine Ausnahme. Trotzdem (oder gerade deshalb) nutzte ich die vergangenen Tage, um sie etwas zu triezen, Druck aufzubauen und Nervosität zu schaffen. Eine simulierte Prüfung ist dann eher hilfreich, wenn sie den Prüfungsbedingungen möglichst nahekommt und so nahm ich mir vor, wirklich schlecht gelaunt und eklig in das Gespräch zu gehen. Demonstrativ positionierte ich Schulgesetz und die BASS, die „bereinigte amtliche Sammlung von Schulvorschriften“ mit ihren 1000 Seiten zwischen uns, lehnte mich zurück und ließ sie beginnen. Ich wollte sie durchfallen lassen.

Die Kollegin ließ mich in den ersten dreißig Sekunden wissen, was sie mir in dem Vortrag erzählen wollte und skizzierte das mit ein paar Sketchnotes. Und damit war klar: Dieses Gespräch würde sie gewinnen. So sehr ich mich in der folgenden halben Stunde mühte und verschiedene Bereiche abklopfte (Aufsichtspflicht, RISU, Schulgremien, Methoden, Möglichkeiten der Förderung, etc.) – sie wusste alles.

Ich bin kein ganz schlechter Schauspieler. Für einen Lehrer ist so etwas immer hilfreich – aber heute wurden mir wirklich Grenzen aufgezeigt. Wirklich tief beeindruckt und angesteckt von ihrer guten Laune beendeten wir das Kolloquium irgendwann. „Hey, du wolltest mich doch zerlegen?!“, fragte sie irritiert. Aber keine Chance.

Kein #Stresserendariat, wie es im Twitterlehrerzimmer oft genannt wird. Sondern eine rundum gelungene Ausbildungsphase. Wir sprachen im Anschluss über ihren Bildungsweg und kamen auf ein Thema, das mich gerade beschäftigt:

Melisa Erkurt schreibt in dem bemerkenswerten Artikel „Vergesst die Eltern“ über ihren Bildungsweg und den entscheidenden Einfluss, den ihre Lehrer darauf hatten. Auf Twitter gab es in den letzten Tagen eine ganze Kette von Beiträgen von Migrantenkindern, die sich ihren Weg mühsam erkämpfen mussten.

Ich selbst bin typisch für das genaue Gegenteil: ein völliger Chaot in der Grundschule, mittelmäßige Leistungen auf dem Gymnasium. Aber weil ich Bildungsbürgerkind bin, gab es keine Diskussion über die Schulform. Mit einem anderen Elternhaus hätte ich sicher kein Abitur gemacht. Zumindest nicht in der gleichen Zeit.

Heute bin ich Lehrer.

Ich bin verantwortlich für die Ausbildung von neuen Lehrer*Innen. Ich bin verantwortlich für Entwicklung meiner Schülerinnen und Schüler. Ich bin Türöffner und Wegbereiter. Wegweiser und wegweiser.

Ich denke an Safra* aus meiner Klasse. Sie ist ehrgeizig. Klug. Selbstbewusst. Sie möchte Ärztin werden. Sie formuliert dieses Ziel mit einer Klarheit, die ich bei einer Fünftklässlerin selten erlebt habe.

Aber sie ist ein Mädchen.

Aber sie hat keinen deutschen Namen.

Ich lese diese Artikel und Berichte und mache mir immer wieder klar, dass diese Kinder mehr brauchen, als Fleiß und Grips. Sie brauchen Wegbegleiter, Lehrer*Innen, die ihnen Türen öffnen und sie antreiben und motivieren. Ich habe ein großes Herz für alle meine Kinder. Aber ich merke, wie ich zur wütenden Furie werde, wenn jemand diesen Kindern ungerecht gegenüber ist.

Und ich werde tun, was ich kann, damit Safra eines Tages Ärztin wird.


*alle Namen in diesem Blog sind immer verändert.

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