Vergangenen Freitag endete die erste Staffel „Star Trek: Picard“ im Fernsehen. Dieses Blog ist, mal abgesehen von der Reihe „Physik von Hollywood„, nicht so sehr dafür bekannt, sich intensiv mit Literatur, Funk und Fernsehen auseinanderzusetzen. Andererseits ist das Bestreben einer jeden Kunstform, eine Wirkung zu erzeugen. Bücher, die etwas im Leser verändern, vielleicht zum Positiven bewegen, sind es wert, dass man über sie spricht. Filme, die eine Diskussion auslösen (wie bspw. „Systemsprenger„) haben eine größere Bühne verdient.

Zwei rote Fäden ziehen sich durch „Picard“.
Erstens: Lange vor Einsetzen der Handlung wurden hunderte Millionen Romulaner durch die Explosion ihrer Heimatsonne zu Flüchtlingen. Die (menschliche) Föderation wurde ihrem positiven Selbstbild nicht gerecht und ignorierte dieses Leid aus Angst um das eigene Wohlergehen.
Zweitens: Die Hauptfigur, Jean-Luc Picard, kämpft nicht nur mit dem Verrat an diesen Idealen, sondern auch mit dem Tod eines guten Freundes viele Jahre zuvor. Aus dieser Trauer resultiert eine Passivität und Starre, die sich mit Einsetzen der Serie auflöst.

Die alte Welt
Als ich im Januar über die erste Folge schrieb, war die Welt noch eine andere: Alle Kinder gingen noch in die Schule und im wöchentlichen Rhythmus begeisterten oder enttäuschten die Fußballergebnisse. Im Fokus der Aufmerksamkeit stand die entsetzliche Flüchtlingswelle aus Syrien und die unwürdige Situation in den Auffanglagern. Im Fokus die Anklagen gegen die Kapitäne von Seenotschiffen.

Gute Geschichten, auch gute ScienceFiction-Geschichten halten der Welt einen Spiegel vor. So geschickt, dass man es erst gar nicht merkt. Romulanische Flüchtlinge? Eine Politik des Zauderns? Der Verrat an den eigenen Werten? Angst vor dem Neuen? Vor dem, was die Flüchtlinge mir wegnehmen könnten?
Das Besondere an „Star Trek“ ist stets gewesen, dass es nur scheinbar von Weltraum und Zukunft erzählt. Es geht ums Heute. Hier. Jetzt. Uns.

Mir wird ein Spiegel vorgehalten und ich muss mich fragen lassen, wer ich bin. Was ich tue. Ich kann nicht „Raumschiff Enterprise“ toll finden mit seinen Geschichten von Anstand und Moral und Ethik – und gleichzeitig vor dem Grauen auf Lesbos die Augen verschließen.

Nun, einige Wochen später, hat sich die Welt gewandelt.
Vieles ist zum Stillstand gekommen. Schule findet, wenn überhaupt, nur noch per Fernunterricht statt. Viele Geschäfte sind geschlossen und zahlreiche Menschen bangen um ihre Existenz. Die Pressekonferenzen des amerikanischen Präsidenten werden von einem großen Radiosender nicht mehr live übertragen, weil sie mit den Richtigstellungen seiner wüsten Behauptungen nicht mehr hinterherkommen. Die Situation auf Lesbos findet im Angesicht einer viralen Bedrohung keinerlei mediale Beachtung. Stattdessen wird berichtet, dass sich Menschen in Supermärkten wegen Klopapier an die Gurgel springen.

„Die Angst ist ein unfähiger Lehrer“, schimpft Picard in dieser letzten Episode. „Wer lebt hat auch eine Verantwortung – und nicht nur Rechte.“

Angst. Verantwortung.

Das bewegt mich. Auch ich habe Angst.
Angst vor einer Gesellschaft, die Klopapier für die nächsten Jahre versteckt und gleichzeitig über Flüchtlinge in Schlauchbooten schimpft. Flüchtlinge Menschen, die vor wirklichem Krieg fliehen. Die wirklich alles verloren haben.

Was also ist unsere Verantwortung?
Hilfsangebote sprießen überall aus dem Boden. Nachbarn gehen füreinander einkaufen. Via Twitter vernetzen sich Menschen miteinander. BVB-Fans haben 100.000 für ansässige Gastronomiebetriebe gesammelt, die durch die Situation kurz vor der Schließung stehen.
Ich selbst bin direkt vernetzt mit hunderten Lehrern, regional und weltweit. Wir lesen einander, inspirieren einander und fordern uns heraus. Wir diskutieren und schimpfen und ringen darum, was zeitgemäßer Unterricht ist. Was, ganz besonders in dieser Zeit, guter Unterricht ist. Ich betrachte es als meine Verantwortung, dieser und vielen weiteren Schülergenerationen Aufgeschlossenheit, Optimismus und eine unbändige Neugier zu vermitteln. Sie einen Schritt weiter in eine Zukunft zu führen, in der ich selbst leben möchte.

Ich mag Star Trek deswegen so gern, weil es mir ein Bild dieser Zukunft vermittelt – was Picard in dieser letzten Episode sogar selbst ausdrückt: „[…] so wie Kinder die meisten Dinge lernen: Durch ein gutes Beispiel.“

Lange, sehr lange Zeit hat mich keine Serie, kein Film und kein Buch so zum positiven Grübeln angeleitet, wie diese Serie. Und ich bin es sowohl meinen Kindern als auch meinen Schüler schuldig, gute Antworten zu finden.