Aktuell läuft eine Beitragsparade. Jeder ist eingeladen, seine (schulische) Perspektive auf diese Zeit mit anderen zu teilen. Christian Meier (Twitter) gibt uns einen Einblick in seinen Schulalltag.


Fernunterricht – Was bisher geschah…

Vier lange Woche liegen hinter uns und es wurde einiges an Staub aufgewirbelt, teilweise auch an Stellen, wo man keinen Staub vermutete oder ihn einfach übersehen wollte.
Technische Ausstattung, Bildungsgerechtigkeit und einiges mehr. Natürlich – was ein furchtbares, aber wohl leider zutreffendes Wort in diesem Zusammenhang ist – gab es diese Problemfelder schon vor Corona und es wird sie auch nach dieser Zeit noch geben. Womöglich werden sie in einem anderen Licht gesehen und gezielt angegangen oder alles wird schnell wieder in die gewohnten Bahnen gelenkt.

Für diese Beitragsparade stehen drei Fragen im Mittelpunkt, die ich diese Woche gemeinsam mit meinen Klassen diskutiert habe. Vorab: Ich habe das Glück, dass wir an unserer Schule sehr gut ausgestattet sind und ich zudem in diesem Schuljahr ausschließlich Klassen habe, die eine 1:1 Ausstattung mit Tablets besitzen. Dies ist bei uns ab Klassenstufe 7 der Fall.

1. Was hat in den letzten Wochen funktioniert?

Über Teams funktionierte der Austausch zwischen Schülerinnen und Schülern, den Eltern und mir nahezu reibungslos. Dadurch war es möglich, den Schülerinnen und Schülern individuelle Unterstützung anzubieten. Zudem entwickelte sich zügig eine gemeinsame Kooperation innerhalb der Gruppe, sodass sich gegenseitig geholfen wurde.
Die Videokonferenzen verliefen problemlos. Sie waren nicht nur fachlich orientiert, sondern boten auch Raum für Smalltalk und es funktionierte ohne eine einzige Command & Control Anwendung meinerseits. Zum Vergleich: Die Videokonferenz der Mathe Fachschaft hätte von diesen Anwendungen profitieren können…
Auch innerhalb des Kollegiums gab es etwas Bewegung, so wurden kurzerhand Online – Fortbildungen angeboten und viele Kolleginnen und Kollegen trauten sich an Neues heran.

2. Was hat in den letzten Wochen nicht funktioniert?

Wenn ich Rückmeldungen meiner Schüler oder auch von Bekannten mit Kindern an anderen Schulen bekomme, so wird deutlich, dass teilweise ein gesundes Maß an Art und Umfang der Arbeitsaufträge gefehlt hat. Ein Beispiel hat mich besonders getroffen: „Im Anhang dieser Mail findet ihr ein zweiseitiges pdf. Bitte übertragt den Text sowie die Zeichnungen handschriftlich in euer Heft und schickt mir ein Foto des vollständigen Hefteintrages.“ Klingt eher nach Beschäftigungstherapie…
Eine weitere Schwierigkeit stellten zwei meiner Schüler dar, die ab der zweiten Woche praktisch vollständig untergetaucht waren. Es benötigte viel Aufwand, um die Kommunikation wiederherzustellen, wobei die Eigeninitiative auch weiterhin fehlt. Besonders in solchen Fällen, ist der reine Kontakt per Telefon oder Internet, ein großes Hindernis.
Aber auch Schüler meldeten zurück, dass sie sich in manchen Fächern alleine gelassen fühlten, indem sie kaum Rückmeldung erhielten und Fragen ignoriert wurden.

3. Was kann man davon lernen?

Wenn ich zurückblicke, wie ich diese Zeit bisher wahrgenommen habe und was die Schülerinnen und Schüler zurückgemeldet haben, so ergeben sich die folgenden zentralen Eckpfeiler in aller Deutlichkeit:

  • Schaffe Strukturen, die selbstorganisiertes (zeitlich, räumlich, strukturell) Arbeiten fördern
  • Schaffe eine Atmosphäre des Vertrauens. Es ist das solideste Fundament, das alle Formen dieses Arbeitens erst ermöglicht
  • Sei präsent, ermutige und berate
  • Ermögliche partizipative Teilhabe

Damit einher geht aber auch eine andere Erkenntnis: Habe ich die obigen Punkte bisher nicht vermittelt, meinen Klassen kein Vertrauen geschenkt, dieses selbstständige Arbeiten zwar immer eingefordert, jedoch nie wirklich angeleitet und gemeinsam sowie individuell reflektiert, sind diese Punkte nicht plötzlich im Fernunterricht umzusetzen.

Werfe ich den Blick über den eigenen Unterrichtshorizont und betrachte die Frage als Impuls für Schulentwicklung, so wird eine Antwort gleichwohl schwieriger.
Einiges führt uns Corona definitiv nochmals deutlich vor Augen:
Das typische Schulszenario lässt sich nicht auf die momentane Situation sowie die digitale Welt übertragen und das sollte auch nicht versucht werden.
Betrachtet man die Arbeitsorganisation vieler Schülerinnen und Schüler wird ebenfalls deutlich, dass diese nichts mit der strengen Rhythmisierung von Schule zu tun hat.
Beziehungsarbeit ist der integrale Bestandteil unserer Tätigkeit.

Nichtsdestotrotz werden wir wohl erst in der Zukunft herausfinden, was Schule und das Bildungssystem aus dieser Zeit lernen.
Ausgehend von diesem Tweet, den Axel Krommer Anfang der Woche postete, würde ich vorerst folgende Antwort dazu geben:

Wenn das Bildungssystem etwas lernt, …

… wird es manche dieser Punkte in Zukunft nicht mehr geben.
… sind sinnvolle Lösungen auf den Weg gebracht, um andere nachhaltig zu minimieren.
… steht die Wichtigkeit einiger Aspekte, wie Beziehungsarbeit, außer Frage an der Spitze.
… werden bewahrpädagogische Haltungen abgelegt, Stichwort Prüfungsformate.

Es bleibt spannend!