Mitte dieser Woche werden uns die Politiker dieses Landes verraten, ob sie die Schulen wieder zu öffnen gedenken oder dem Beispiel anderer Länder folgen wollen, die Schulen geschlossen zu halten. Ein Kommentar.

Ende der 80er führte die britische Einrichtung „Common Cold Unit“ ein Cocktail-Party-Experiment durch: Man stattete eine Versuchsperson X mit einem kleinen Schlauch aus, der an den Nasenlöchern eine triefende Nase simulierte. Anschließend schickte man X auf eine Cocktail-Party (da waren natürlich nur Freiwillige). Was keiner der Beteiligten ahnte: Die Flüssigkeit war mit einem Farbstoff versehen, der nur unter ultraviolettem Licht zu sehen war. Am Ende des Abends schauten die Forscher mit UV-Lampen, wo sich der Farbstoff überall wiederfände.

Und Überraschung: Überall.

Gesicht mit Sprenkeln unter UV-Licht

Auf den Händen, der Kleidung und den Köpfen aller Teilnehmer und natürlich Gläsern, Türklinken, Besteck, den Nussschälchen – einfach allem! Im Durchschnitt fassen sich Erwachsene 16 Mal in der Stunde ins Gesicht.

In einem ähnlichen Experiment der University of Arizona präparierten Wissenschaftler die metallene Türklinke eines Bürogebäudes mit einer ähnlichen Flüssigkeit. Es dauerte nur vier (!) Stunden, bis sich Spuren der Flüssigkeit im gesamten Gebäude nachwiesen ließen. Auf Kopierern, Kaffeemaschinen und – natürlich – auf jedem zweiten Mitarbeiter.

Das führt uns wieder zurück zur Schule.
Je nach Größe sind dort zweihundert bis zweitausend Menschen über viele Stunden versammelt. Sie teilen sich kleine Räume, kleine Toiletten und Stifte, Spitzer, Pausenbrot. Türklinken werden von hunderten Personen angefasst die sich alle zwischendurch die Nase schnäuzen, die Augen reiben, in die Hand gähnen oder genervt an der Stirn kratzen. Schule ist ein Ort, an dem nicht nur Abstandsregeln nicht funktionieren, sondern an dem oft auch weder Seife noch Papier auf den Toiletten zu finden ist. Geschweige denn, dass dort hunderttausende Masken jeden Morgen bereit lägen.

Und während das Boulevardblatt Nummer eins und Teile der FDP öffentlichkeitswirksam eine Rückkehr zur Normalität fordern, beneidet uns der Rest Europas um unsere gute Situation. Es handelt sich auch nicht „einfach nur um eine Grippe“, und das lässt sich an ein paar Stichpunkten leicht in Erinnerung rufen: In den letzten vierzig Jahren hat es nie die Situation gegeben, dass

  • …nicht nur ganze Kliniken mit Patienten gefüllt sind, die alle dieselbe Diagnose besitzen
  • …sondern auch ganze Intensivstationen mit Patienten gefüllt sind, die alle dieselbe Diagnose aufweisen;
  • und dass knapp ein Drittel der betreuenden Pfleger und Ärzte auch genau jene Krankheit dieser Patienten erwerben
  • … zu wenig Beatmungsgeräte zur Verfügung standen
  • eine Patientenselektion durchgeführt werden musste, nicht aus medizinischen Gründen, sondern weil wegen der schieren Anzahl an Patienten schlicht das lebensrettende Material gefehlt hat;
  • die Todesart jener, die auf der Intensivstationen verstorben sind, bei allen dieselbe ist;
  • Medikamente und medizinisches Material auszugehen drohen.

Sicher – in Deutschland ist es (noch) nicht so dramatisch wie in Italien, Spanien oder New York. Aber warum genau sollten wir nun Schulen wieder öffnen und genau das riskieren?

Ein wirklich fantastischer Artikel über das Corona-Virus und seine politischen Folgen findet sich übrigens hier. Wenn es nur einen einzigen Artikel gibt, den ihr in den kommenden Wochen zu dem Thema lesen wollt, dann diesen von Prof. Paul Robert Vogt. Heraus.Ragend!

Die Schulen zu öffnen halte ich für eine großen Fehler und persönlich nervt mich das Vorgepresche einzelner Politiker: Es entsteht der Eindruck, es wird Wahlkampf getrieben, obwohl andere Dinge gerade wichtiger sind.

Und gerade der Blick in die USA (zweite Leseempfehlung: „Die ohnmächtige Nation„) oder Großbritannien sollte uns lehren, wie wenig hilfreich Geschwätz in der politischen Führung ist.


Quellen:
New Yorker, 11.3.2002; „Cold Comfort“, S.42 – 45
Baylor University Medical Center Proceedings, Januar 2017; S.127