Gestern hat die Nationale Akademie der Wissenschaften („Leopoldina“) ihr drittes Gutachten veröffentlicht, wie mit der aktuellen Corona-Krise umzugehen ist. Ich halte jene Vorschläge, die sich auf die Schule beziehen, für kurzsichtig und vermisse sinnvolle Alternativen. Kurz: Für Schulen bedeutet Leopoldina die Verschwendung kostbarer Zeit.

Was ist Leopoldina? – Was besagt die Stellungnahme? – Warum sehe ich sie so kritisch? – Was erhoffe ich mir von der KMK?

Was ist Leopoldina?
Unter „Leopoldina“ wird aktuell jenes Expertengremium gemeint, welches sich in Abständen zu der Corona-Krise äußert. Das Gremium gewinnt dadurch an Bedeutung, dass Bundeskanzlerin Merkel geäußert hat, wie sehr sie den Rat der Experten schätzt und in die eigenen Überlegungen einfließen lässt. Die aktuelle Stellungnahme wird entsprechend großen Einfluss auf die Entscheidung der Ministerien haben, die heute darüber entscheiden, ob und wann die Schulen wieder geöffnet werden.

Was besagt die Stellungnahme?
Die Empfehlung der Akademie lässt sich hier im PDF detailliert nachlesen. Für die Schule sind folgende Aussagen entscheidend:

Die Wiedereröffnung der Bildungseinrichtungen sollte daher sobald wie möglich erfolgen. Dabei müssen einerseits Bildungseinschränkungen aufgehoben, andererseits die Risiken für erneute Ansteckungen minimiert werden. Da die Jüngeren im Bildungssystem mehr auf persönliche Betreuung, Anleitung und Unterstützung angewiesen sind, sollten zuerst Grundschulen und die Sekundarstufe I wieder schrittweise geöffnet werden. (Seite 2-3)

Alle Maßnahmen sind auf längere Zeit unter Einhaltung der Vorgaben zu Hygiene, Abstand, Mund-Nasen-Schutz, Testung und die Konsequenz der Quarantäne umzusetzen. […] Eine Gruppengröße von maximal 15 Schülerinnen und Schüler wäre möglich, wenn entsprechend große Klassenräume zur Verfügung stehen. […] In Bildungsgängen, in denen am Ende der Sekundarstufe I zentrale Abschlussprüfungen stattfinden, sollte der Schulbetrieb zunächst in jenen Jahrgangsstufen aufgenommen werden, die vor dem Abschluss stehen. Bei allen weiteren Jahrgängen ist ein gestuftes Vorgehen mit reduzierter Stundenzahl und mit Konzentration auf die Kernfächer (Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen) zu empfehlen. In einer weiteren Stunde pro Tag können von den Schülerinnen und Schülern erledigte Arbeitsaufträge überprüft und kommentiert werden. Diese Stunde kann auch genutzt werden, um neue Arbeitsaufträge zu vergeben, welche die Schülerinnen und Schüler in Heimarbeit erledigen.

Warum sehe ich das so kritisch?
„Nun warte doch erstmal ab, was das Ministerium entscheidet“, höre ich den Einwurf. Aber dann ist es ja zu spät. Ich finde es wichtig, sich jetzt laut und deutlich mit den Empfehlungen auseinanderzusetzen, in der Hoffnung, dass die Politik die Kritik hört. Denn letztlich empfehlen die Experten etwas, das Bob Blume knackig formuliert hat:

Wenn es sicher ist (was es nicht ist) könnte man mit Masken (die noch nicht da sind) und Abstand (der schwer einzuhalten ist) 15 Kinder in großen Klassenzimmern (die nicht alle haben) von Lehrer*innen (falls keine Risikogruppe) unterrichten lassen.

Wie immer wird es noch schwieriger, wenn man die Idee noch detaillierter betrachtet: Wie sollen die Kinder in die Schule kommen? Über den Tag verteilt mit Bussen wie im Schichtbetrieb? Was ist mit jenen Schülern, die zur Risikogruppe gehören oder aber Angehörige aus der Gruppe haben? Kommen die dann gar nicht mehr wieder? Auf welche Größe schrumpft ein Kollegium, das aus Eltern mit kleinen Kindern oder 55plus-Lehrer*Innen besteht?
Wer einmal die Google Bildersuche nach „Schulklo“ durchsucht hat, weiß, wie es um die Hygiene in Schulen aussieht: Warmes Wasser gibt es in Schulen nicht und auch Seife ist dort eher selten zu finden.

Einen weiteren Aspekt halte ich für wichtig: In Südkorea häufen sich die Fälle von Menschen, die ein zweites Mal an Covid19 erkrankt sind. Ob Menschen also überhaupt dauerhaft ein Immunsystem gegen das Virus aufbauen können, ist zumindest zweifelhaft. Das bedeutet, diese Krise wird erst dann ausgestanden sein, wenn man entweder die Zahl der Infizierten massiv nach unten drückt und sie dann isoliert oder einen Impfstoff gefunden hat.

Das wird noch sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Und Zeit ist der entscheidende Faktor. Um welchen Preis wollen wir die Schulen öffnen?

Befindet sich nur ein einziges erkranktes Kind in der Schule (und das ist einfach eine Frage der Zeit), müssten sofort alle Mitschüler und unterrichtenden Lehrer auch in Isolation gesteckt und die Räume desinfiziert werden. Wird einer 700.000 Lehrerinnen und Lehrer des Landes positiv auf Corona getestet, müsste die Schule geschlossen werden (wie in der Vergangenheit geschehen). Nochmal die Frage: Was gibt es zu gewinnen?

Für mich geht fast alles, was die Experten von Leopoldina zum Thema Schule geschrieben hat, an den wesentlichen Punkten vorbei.

Was erhoffe ich mir von der KMK?
Ich bin Lehrer. Ich liebe Schule. Mein Beruf ist Berufung! Wie alle meine Kolleginnen und Kollegen möchte ich zurück in die Schule. Ich vermisse das Lachen, Spielen, Leben.

Aber: Zahlreiche Virologen haben gemutmaßt, dass man in diesem Jahr weder mit vollen Bundesliga-Stadien noch mit Konzerten rechnen solle. Und nun wird in den Raum gestellt, die Schulen für die zwei Monate bis zu den Sommerferien zu öffnen.

Ich hoffe sehr, dass der Fernunterricht der wesentlicher Aspekt der ministerialen Gespräche heute sein wird.
Es ist nahezu unmöglich, die Millionen Schutzmasken, die heute in den Krankenhäusern fehlen, nächste Woche Tag für Tag in die Schulen zu karren um die „Hygiene-Vorgaben“ einzuhalten. Aber es wäre ein Klacks, endlich eine offizielle Freigabe für Google Classroom, Office 365 oder ähnliche Systeme zu erteilen – hat die KMK letzte Woche übrigens aus Versehen schon auf die Homepage gestellt aber dann schnell wieder gelöscht. Und zwar einheitlich – nicht ein Dorf „ja“ und das nächste „nein“.

Es wäre möglich, alle Kolleginnen und Kollegen des Landes in Sachen „digitale Tools“ fortzubilden. Die Expertise ist in den Schulen selbst nämlich schon vorhanden – man muss sie nur abrufen. Es würde keine zwei Wochen dauern, und digitaler Unterricht in annehmbarer Form wäre an allen Schulen zumindest von Seiten der Lehrer möglich.

Und dann wäre es vielleicht sinnvoll, dafür zu sorgen, dass alle Schülerinnen und Schüler des Landes mit digitalen Endgeräten ausgestattet werden. Das muss ja gar nicht nächste Woche sein. September würde genügen. Bis dahin wäre auch genug Zeit, sich tiefgreifende Gedanken über den Fernunterricht zu machen und das Beste wäre: Diese Entwicklung wäre nachhaltig, würde auch nach der Krise weitergeführt werden und wir würden eine Generation von Menschen ins Arbeitsleben führen, die endlich den Unterschied zwischen „ausschneiden“ und „kopieren“ kennt.

Diesen Punkt halte ich für den Entscheidenden. Und der fehlt. Darum befürchte ich, dass wir im September in genau der gleichen Situation stecken, wie heute. Und dann wäre alles, was Leopoldina formuliert hat, eine einzige große Zeitverschwendung.

28 Gedanken zu „Wieso „Leopoldina“ für Schulen Zeitverschwendung bedeutet.“

  1. Zitat: „Es würde keine zwei Wochen dauern, und digitaler Unterricht in annehmbarer Form wäre an allen Schulen zumindest von Seiten der Lehrer möglich.“
    Also das glaube ich nicht. Bin selbst digital affin, aber die ersten drei Wochen z.B. In die Feedback-Falle getappt. Ich war fertig danach und bis Do in den Ferien waren die Feedbacks dann auch fertig. Will heißen: es gibt einfach sehr viele Fallstricke, so leicht ist das nicht. Zudem habe ich abgefragt und musste feststellen, dass 2/3 meiner Schüler per SIM-Karte ins Internet gehen, was bedeutet, dass Videokonferenzen praktisch ausscheiden.

  2. Sehr richtig.
    Vielleicht, und das schreibe ich wirklich mit aller gebotenen Vorsicht, muss man für die Situation an den Schulen auch über eine temporäre Lockerung der DSGVO nachdenken, um in dieser Ausnahmesituation möglichst viele Schüler*innen zu erreichen.
    Zu allem anderen habe ich mich ja gestern bereits geäußert.

  3. Vielen Dank für den Beitrag, der für mich sehr hilfreich ist. Ich war völlig perplex als ich die Empfehlungen der Leopoldina gelesen habe. Ich weiß, wie die Schulen in Berlin-Kreuzberg ausgestattet sind oder besser gesagt nicht ausgestattet sind. Da kann ich mir eine sinnvolle Umsetzung nicht vorstellen. Ich kenne aus meiner Grundschulzeit noch das Modell „Schichtunterricht“. Eine Klasse hatte den Klassenraum vormittags, eine andere nutzte ihn nachmittags und das nicht unter Corona-Bedingungen. Die „Nachmittagskinder“ waren deutlich im Nachteil, weil es einfach nicht gut in den Tagesrhythmus paßt.

  4. DANKE. Ich seufze und facepalme im Wechsel, wenn ich die „Experten“-Meinungen so höre und lese. Wann war jemand von ihnen zuletzt in einer Schule während laufenden Normal-Betrieb? (Lieblingsspruch, gefunden auf Twitter bei @dachschadenheit: „Ein hochansteckendes Virus wird sicher gefahrlos dort vorüberziehen, wo Kopfläuse rudelbumsen.“ Passend zur Bildungsminister:innen-Sitzung wurde gerade meine Schokoladenbestellung geliefert, ich fürchte, ich werde noch mehr brauchen…

    1. Ich las gerade „Ich würde gern meine Kraft auf einen klaren Plan konzentrieren, nicht so einen Ozeandampfer Schule mit geändertem Fahrplan auf Zuruf durch Eisberge navigieren.“
      Das Bild gefällt mir auch.

  5. Kleine sachliche Korrektur:

    „Unter “Leopoldina” wird aktuell ein Expertengremium bezeichnet, welches sich in Abständen zu der Corona-Krise äußert.“

    Leopoldina ist lediglich der Eigenname der Institution. Die Nationale Akademie der Wissenschaften mit Sitz in Halle (Saale) ist das oberste wissenschaftliche Beratungsgremium für die Bundesregierung. Der volle Name lautet „Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften“. Die Akademie gibt es übrigens bereits seit dem 17. Jahrhundert und mit wechselndem Sitz (je nach Wohnort des Präsidenten) ist sie seit 1878 fest in Halle.

    1. Danke – das ist natürlich richtig. Ich bezog mich auf die umgangssprachliche Verwendung im Tagesgeschäft (für wenn der Eintrag in hundert Jahren in einem Geschichtsbuch landet). 🙂

  6. Guter Beitrag, dem ich weitgehend zustimmen kann, bis auf ein paar Punkte:

    Zitat: „In Südkorea häufen sich die Fälle von Menschen, die ein zweites Mal an Covid19 erkrankt sind.“
    Das ist so noch nicht bewiesen. Das Virus bzw. dessen RNA lässt sich unter bestimmten Umständen noch sehr lange nach Genesung des Patienten nachweisen (z.B. auf Abstrichen vom Stuhl). Zudem ist es schwierig zu beurteilen ob es sich wirklich um eine zweite Infektion mit SARS-CoV-2 handelt, oder um Rückfall-Patienten mit einer noch nicht ganz auskurierten COVID-19-Ersterkrankung. Drittens gibt es Menschen mit zumeist angeborenen Defekten des Immunsystems, die nicht ausreichend Antikörper bilden können.

    Zitat: „Es würde keine zwei Wochen dauern, und digitaler Unterricht in annehmbarer Form wäre an allen Schulen zumindest von Seiten der Lehrer möglich.“
    Ja, und genau das ist meines Erachtens eine unzulässige Vereinfachung dieses Themas. Eine Internetverbindung, ein bisschen Office 365, ein digitales Endgerät für jede(n) Schüler:in und noch ein paar andere Tools, und schwupp, schon ist der digitale Fernunterricht herbeigezaubert…äh…NEIN!
    Es fängt ja schon damit an, dass die digitale Infrastruktur dieses Landes noch im Entwicklungsstadium ist (siehe auch mein Blogbeitrag aus dem Jahr 2018, das hat sich noch nicht wesentlich verbessert: https://roth-soft.de/digitalisierung/deutschland-ist-digitales-entwicklungsland/). Viele Schülerinnen und Schüler haben gar nicht den Zugang zu einem schnellen Internet, insbesondere noch nicht in vielen ländlichen Regionen, oder auch in sozial benachteiligten Familien die sich so etwas finanziell nicht leisten wollen/können. Selbst wenn man diese Infrastrukturthemen irgendwie gewuppt bekäme, ist das ja noch längst nicht alles. Ein digitaler Fernunterricht stellt auch an das zu Hause der Schülerinnen und Schüler hohe Anforderungen: eine ruhige Lernumgebung, etc. Und was wohl am meisten wiegt: Online-Learning erfordert eine Überarbeitung der didaktischen Konzepte, damit es effektiv sein kann. Einfach nur ’ne Kamera hinstellen, Zoom einschalten und den gleichen (Frontal-)Unterricht abhalten wie wenn die Schülerschaft im selben Klassenzimmer sitzen würde funktioniert da halt nicht.
    Ich will ja nicht in Abrede stellen, dass das alles mittel- bis langfristig möglich sein kann, aber in zwei Wochen?

    1. Hm, alle Punkte, die du nennst, sind nachvollziehbar.
      Betrachten wir es anders: Niedersachsen hat drei Wochen vor den Osterferien alle Schulen geschlossen. Wenn die jetzt versuchen, Schule auf die Beine zu stellen, hängen die diese drei Wochen hinter den anderen Bundesländern her, die in der Zeit – nach besten Möglichkeiten – mit Fernunterricht und Office365 und Zom unterrichtet haben. Auch in den anderen Bundesländern hat es diese Entwicklung von „zunächst technische Hürden meistern“ hin zu „welche Aufgaben sind sinnvoll“ gegeben. Aber diese Entwicklung kann nur stattfinden, wenn man die Schulen in dieser Hinsicht anstößt.

      Zwischen „gar kein Unterricht“ und „perfekter Online-Unterricht“ sind es sicher einige Stufen. Aber die müssen (und können) jetzt erklommen werden. Ein erster Schritt wäre, den Schulen Rechtssicherheit zu geben – das lässt sich in einer Viertelstunde erledigen. Dann die Kolleginnen und Kollegen mit zumindest soviel KnowHow ausstatten, dass sie in der Lage sind, via Internet Unterricht zu machen. Und dann können wir uns immer noch um Unterrichtsqualität etc. kümmern.
      Und das alles schließt ja nicht aus, dass man Schulen und Schüler mit Geräten unterstützt – auch wenn das ein wenig länger dauert.

  7. Wie ist das aber denn generell mit dem Schulsystem? Selbst, wenn es Fernunterricht gibt, kann der Stoff in dem Umfang erlernt werden? Oder müssen dann alle ein Jahr „wiederholen „ ? Oder aufholen?
    Wiederholung hieße ja ein Jahrgang mehr und ein Abitur weniger ? Irgendwie klingen alle Lösungen nicht ausgereift:(( Wie kann man die sozialen Kontakte aufrecht erhalten? Das finde ich ein großes Problem.
    Man darf gespannt sein und hoffen.

    1. Der Stoff kann durch E-Learning sicher nicht in gleichem Maße erlernt werden. Wir erreichen sicher nicht 100%. Aber wir erreichen sicher mehr, als wenn wir jetzt die Schulen für einige Kinder öffnen und bei Erkrankung wieder schließen und dann wieder öffnen und dann wieder schließen.

    2. Wenn ich eure Beiträge so lese, habt ihr sicherlich bei vielen Sachen recht was den Unterricht oder die Lerninhalte betrifft.
      Aber auf einer Schiene versagt ihr vollkommen und zwar die digitale Kompetenz.
      Wie kann man ernsthaft Office365 oder zoom auch nur ansprechen? Firmen die die dsgvo mit Füßen treten? Wenn es einen Tritt vor das Digitale Schienbein gibt, dann genau jetzt. Die Einhaltung von Gesetze und Verordnungen kann man nicht mit einer Krise rechtfertigen. Genau das ist der Zeitpunkt um endlich über den Tellerrand zu schauen und freie Software und solche die den Datenschutz und die DSGVO ernst nimmt, den Vorzug zu geben. Und genau an dieser Stelle versagen sehr viele Lehrkräfte und sie sehen es nicht mal, das ist so traurig.

      1. Das sehe ich einfach anders.
        Gerade jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für noch mehr Experimente. Jetzt braucht es Lösungen, die funktionieren. Da würde in den vergangenen Jahren zu viel Zeit verschwendet.
        Davon ab: viele Datenschützer können ja zu dem Schluss, dass O365 einsetzbar ist. Ganz Österreich nutzt es. Dänemark nutzt es. Nur wir warten und hoffen, das eine Lösung vom Himmel fällt.

    3. „Ob Menschen also überhaupt dauerhaft ein Immunsystem gegen das Virus aufbauen können, ist zumindest zweifelhaft. Das bedeutet, diese Krise wird erst dann ausgestanden sein, wenn man entweder die Zahl der Infizierten massiv nach unten drückt und sie dann isoliert oder einen Impfstoff gefunden hat.“

      Wenn es richtig sein sollte, dass eine überstandene Erkrankung zu keiner Immunität führt, dann wird es logischerweise auch keine Impfungen geben, denn die basieren auf demselben Prinzip. Ich fürchte daher, dass dieser Gedanke in die Irre führt.

    4. Ich bin dafür die Schule möglichst lange geschlossen zu halten, da sich die Schüler auf keinen Fall an die nötigen Abstände etc. halten werden. Alle Abschlussprüfungen sollten stattfinden, digitales Lernen so gut es geht weitergeführt werden. Die Zeitverluste ließen sich durch ein vorziehen von G9 ausgleichen.

    5. Lieber Jan-Martin Klinge,
      Sie sprechen mir aus der Seele – vielen Dank für Ihre Worte aus Lehrersicht.
      Klar hakt es am ein oder anderen, aber das ist doch alles kein Weltuntergang. Ich denke wenn wir wollen und bereit sind, können wir gestärkt aus dieser Krise hervorgehen. Schenken wir einfach den Lehrern Vertrauen und unterstützen sie. Ich habe drei hervorragende Home Schooling Wochen bei meinen beiden Mädels erlebt, die strukturiert gearbeitet haben. Die Kindee werden in diesen Zeiten auch wertvolles fürs Leben lernen.
      Und was die DSGVO betrifft, sträubt es mur eh die Haare, darüber brauchen wir gar nicht diskutieren – das ist doch eh alles eine einzige Farce.
      Danke für ihr Engagement und den guten Beitrag.

    6. Nein. Digitaler Unterricht ist nicht so einfach möglich. Digitaler Unterricht braucht
      – dafür geeignete Software
      – dafür aufbereitetes Lernmaterial
      – dafür geschulte Lehrer

      Wir haben nichts davon.

      So läuft es hier in Schleswig-Holstein an einem Gymnasium (6. Klasse): Man hält es fälschlicherweise für digitalen Unterricht, wenn die Lehrer auf ein veraltetes Portal wie Schulcommsy miserabel eingescannte Buchseiten als PDF hochgeladen bekommen. Das hat absolut Null mit digitalem Lernen zu tun. Das ist nur ein digitaler Distributionskanal für althergebrachtes (analoges) Lernmaterial zum althergebrachten Selbststudium. In den 2 „Corona-Schulfrei-Wochen“ vor den Osterferien wurden von den Lehrern einmalig Aufgaben per PDF verteilt. Kontrolliert wurde nicht. Null Feedback. Null weitere Kommunikation.

      Wir können nicht auf halbwegs effektives digitales Lernen umstellen, weil wir die Versäumnisse im Bildungswesen der letzten 10 Jahren jetzt nicht in 2 Wochen aufholen können. Schätzungsweise 95% der Lehrer sind digitale Analphabeten. Und bei den Kindern ist es genau so. Denen hat niemand (und insbesondere die Schule nicht) jemals beigebracht, wie man im Internet recherchiert, wie man Quellen auf Vertrauenswürdigkeit beurteilt usw. Kinder lernen z.B. in Physik, was passiert, wenn der Lichtschalter gedrückt wird (Stromkreis geschlossen, Glühwendel erhitzt, usw.). Das ist auch gut. Die lernen aber nicht, was passiert, wenn sie im Internet bzw. einer App einen Link anklicken (DNS-Abfrage, verschlüsselte Verbindung aushandeln, HTTP-Anfrage, usw.), obwohl sie das hundertfach täglich machen. Wir ziehen da für eine zunehmend digitalisierte Welt weiterhin digitale Analphabeten heran.

      Es kann auch generell nicht Aufgabe von Lehrern und Schulen sein, nun Lernmaterial für digitales Lernen aufzubereiten. 99,x% haben nicht die Kompetenz dafür. Das ist eine Aufgabe für Bund, Ländern, ggf. Schulbuchverlage (wobei z.B. Sprachlernapps von Cornelsen auch nur Ausdruck völliger Inkompetenz in Sachen Software sind).

      Digitales Lernen? Ich bin ein Riesenfan. Aber wir haben keine Optionen, dass kurzfristig vernünftig umzusetzen. Und dann bleibt eben nur, die Schulen wieder zu öffnen. Wie genau das erfolgen soll, überlasse ich den Experten.

      1. Lesen Sie doch mal hier quer,v was in Sachen digitaler Unterricht so geht und schon längst umgesetzt wird (und ich arbeite an einer Gesamtschule und keinem privatfinanzierten, ländlichen Gymnasium). Ihre 99% sind schlicht falsch.

        1. Nein, Sie sind mit Ihrem Engagement und ihren Kenntnissen eine große Ausnahme. Sie haben recht, dass auch kurzfristig besseres Lernen via Internet möglich wäre, als wie ich es für das Gymnasium hier beschrieben habe. Richtiges digitales Lernen ist das aber noch lange nicht.

          Digitales Lernen könnte z.B. so aussehen, dass der Lehrer erst mal per Livestream eine Einführung zu einem Thema gibt. Das Thema wird anschließend in einer Software/App mit Texten, Bildern, Animationen, Videos und Übungsaufgaben von den Schülern vertieft. Gern mit spielerischen Elementen. Nach jeder Lerneinheit oder auch schon zwischendurch führt die Software immer einen kleinen Test durch, den die Software auch automatisch sofort auswerten kann. Das dient nicht dazu, den Schüler zu benoten, sondern zu erkennen, ob das Thema/die Lerneinheit verstanden wurde. Ist dies nicht der Fall, so kann sich der Schüler z.B. den aufgezeichneten Livestream mit den Erklärungen des Lehrer noch einmal ansehen und bekommt von der Software automatisch weitere Inhalte zum Thema und Übungsaufgaben angeboten. Die Software würde Lehrer automatisch darauf hinweisen, wenn ein Schüler bei einem Thema noch Probleme hat. Lehrer könnten von zeitraubenden, repetitiven Arbeiten wie dem Korrigieren von Mathearbeiten oder Vokabeltests entlastet werden (das kann Software, sofern die Tests digital durchgeführt wurden) und könnten sich mehr um individuelle Problemfälle kümmern. Länger erkrankte Schüler würden nicht mehr zwangsläufig den Anschluss verlieren.

          Damit das alles funktioniert, muss dass alles in einer Software statt finden und nicht mal hier eine eingescannte Buchseite, da mal ein Test auf einer Drittseite, hier mal eine Einheit in einer Dritt-App. Das gesamte Lernmaterial eines Faches für ein Schuljahr muss dafür entsprechend digital aufbereitet sein. Erst dann haben wir richtiges digitales Lernen. Das können 99,x% der Lehrer nicht leisten. Jede Wette.

          Nichts von dem Beschriebenen braucht übrigens „Künstliche Intelligenz“, „die Cloud“ oder sonstige neueste Hype-Technologien. Das alles ist softwareseitig ein alter Hut, seit 10 Jahren umsetzbar und wird zumindest teilweise auch seit Jahren umgesetzt (z.B. Sprachlernapps wie Memrise).

      2. Thema Internet per SIM-Karte:

        Videostream ist nicht für alle Konferenzformen notwendig. Whiteboard und Audio deckt sehr viel ab.
        Einige Telekommunikationsanbieter haben ihre Datenvolumina im Laufe der Coronakrise erhöht, dies wäre im Einzelfall zu ermitteln.

        Ihre Zweifel werfen hier ein paar Fragen auf, das stimmt auf jeden Fall.

        Thema DSGVO-Lockerung: Es gibt kostengünstige Möglichkeiten, Telekonferenzsysteme auf eigenen Servern zu betreiben. Telekonferenz geht ohne Zoom, Apple und Microsoft. Darüber hinaus habe ich die Erfahrung gemacht, dass die DSGVO nicht selten weniger restriktiv ist, als sie wahrgenommen wird, besonders wenn es _nicht_ um Firmen geht.

        Also wie oben: Das wirft Fragen auf, ob aber wirklich die DSGVO gelockert werden muss, ist für mich nicht ausgemacht.

        – Burkhard

      3. Ich hoffe, es ist okay, wenn ich mich nicht direkt zum Thema äußere. Vielmehr möchte ich sowohl dem Autor als auch den vielen Leuten, die kommentiert haben, für diese Diskussion danken.
        Gerade in den letzten Wochen, wo jeder Hans und Franz häufig bar jeden Wissens seinen Senf zu jedem Aspekt des Corona Themas meinte dazutun zu müssen, tut eine derart sachliche Auseinandersetzung sehr gut. Obwohl hier ja auch keineswegs alle die gleiche Meinung vertreten (wäre ja auch langweilig), gehen alle höflich miteinander um. So soll es sein.
        Vielen Dank dafür.

      4. Ich lese hier schon eine Weile mit, gerade weil mich Schule außerhalb meines Bereiches auch interessiert und ich die Entwicklungen hier sehr spannend finde. Ich finde auch diesen Beitrag klug und differenziert.
        Eine spezielle Anmerkung möchte ich aber noch machen:
        Ich unterrichte im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung und habe dadurch noch ganz andere Probleme mit Schulschließung bzw. -wiederöffnung.
        Einerseits habe ich Schüler, die noch auf sehr basalem oder auch praktischem Niveau lernen, die (noch) nicht lesen oder schreiben und zum Teil auch nicht sprechen können. Fernunterricht ist hier nur sehr eingeschränkt möglich, die Kinder brauchen Schule im Klassenzimmer mit realen LehrerInnen. Andererseits sind genau diese Kinder nicht in der Lage, Abstandsregeln oder Hygienreregeln zu verstehen und adäquat einzuhalten. Hinzu kommen mehr Kinder mit Vorerkrankungen als in den meisten anderen Schulen. Ich weiß keine gute Lösung für dieses Dilemma und ich bin sehr gespannt, was sich die Schulbehörden hierfür ausdenken .

      5. Wie sollen denn Referendare mit dieser Situation umgehen? Soll man Unterrichtsentwürfe über ein Online-Gruppenpuzzle schreiben? Welche Platformen bieten denn pädagogische Methoden an, und welches Land ist denn hier führend?

        1. Bedauerlicherweise kann man ich hier keine sinnvolle Antwort geben: Das hängt ganz stark davon ab, wie an deiner Schule und in deinem Seminar gearbeitet wird. Was nützt es, wen ich hier von Mebis schreibe, und du kommst gar nicht aus Bayern?

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