Nicht nur als Lehrer, auch als Vater erlebe ich durch diese Zeit der Schulschließung eine bunte Mischung aus Über- und Unterforderung. Hier wird man mit Aufgaben zugeworfen, dort wünschen sich Eltern aus Sorge um den Schulabschluss bitte mehr Aufgaben.

Ich selbst versuche eine gesunde Mischung aus Anspruch und Freiraum zu finden. Die Aufgaben sind zielführend aber – soweit möglich – auch frei gestaltet. Um die Videokonferenzen nicht zu anstrengend zu gestalten, habe ich für jedes Team Kanäle eingerichtet, in denen in Gruppenarbeit diskutiert und geforscht werden kann. Schaue ich zwischendurch mal spontan rein, ist der Erfolg aber eher so mittelprächtig. Während in der einen Gruppe gearbeitet wird, verkommt die nächste zu einem Kaffekränzchen.

Diszipliniertes Arbeiten ist eine Herausforderung. Auch für mich.

Als ich gestern nachmittag, einem Sonntag, durch die digitalen Hefte meiner Schüler blättere, fällt mir leider auf, dass rund ein Drittel die Wochenplanaufgabe noch nicht bearbeitet hat. Abgabetermin: Montagmorgen.

Ich stehe vor einer Zwickmühle: Eigentlich möchte ich die Kinder am Sonntag nicht nerven. Ich finde, das gehört sich nicht und frei ist frei. Andererseits weiß ich genau: Wenn ich sie nicht erinnere, dann werde ich beim digitalen Unterricht in viele betretene Gesichter blicken. „Och, tut mir leid. Vergessen.“

Also schreibe ich alle Schüler an. Erinnere dezent an die Aufgaben und erhalte von den meisten auch pflichtschuldig die Antwort Ja, man habe sowieso vorgehabt, sich jetzt gleich dranzusetzen.

Den Rest des Tages habe ich ein schlechtes Gewissen. Irgendwann ist mit Schule auch mal Schluss.

Als ich heute morgen meinen Computer einschalte, erhalte ich zahlreiche Benachrichtigungen eingegangener Aufgaben. Abgesendet um 20:35 Uhr. Abgesendet um 2:14 Uhr. Abgesendet um 4:29 Uhr.

4:29 Uhr.

Einmal mehr wird mir deutlich vor Augen geführt, wie heterogen meine Schülerschaft in diesen Tagen lebt. Der eine müht sich nach Kräften, der andere macht Party. Einer langweilt sich vor der Xbox, der andere muss seine Geschwister hüten. Hier lösen Eltern die Aufgaben gemeinsam mit ihren Kindern, dort sind die Eltern dankbar, wenn die Kinder über Stunden unbeaufsichtigt alleine bleiben können ohne sich zu verletzen.

Und ich als Lehrer stecke in dieser Zeit inmitten dieses Chaos und versuche allen gerecht zu werden. Jenen, die das starre Schulsystem und seine Aufgaben verfluchen. Jenen, die ohne Strukturen kaum aus dem Bett kommen.

Diese Woche startet meine Schule eine weitere Elternumfrage auf der Schulhomepage. Wir stellen Fragen und hören zu.

Eines ist mir jedoch klar: Für einige meiner Schülerinnen und Schüler sind die Wochentage alle gleich: Dass ich Sonntags schreibe ist genauso Teil der Realität wie die Replik um 4:29 Uhr in der früh.

Übrigens und nebenbei: Weil ich experimentierfreudig bin, gibt es das Halbtagsblog ab sofort auch als Podcast – für jene, die lieber hören als Webseiten ansurfen. Zu finden bei Spotify, Apple Music und im gut sortierten Zeitschriftenhandel.