Seit dieser Woche sollen die Kinder an einzelnen Tagen wieder in die Schulen gehen – doch der Frust ist groß: Machen 5 Präsenztage bis zu den Sommerferien wirklich einen Unterschied? Ich meine: Das ist genau die richtige Entscheidung.

Seit Montag ist auch meine Schule vollumfänglich im Präsenzunterricht vertreten. In einem rollierenden System wechseln sich die Jahrgangsstufen ab und unserer unfassbar großartigen Stundenplanerin ist es zu verdanken, dass jedes Kind bis zu den Ferien an 14 Tagen in die Schule geht. Wenn sie zu Hause bleiben, gibt es Online-Unterricht per Videokonferenz.

An anderen Schulen sieht das aus unterschiedlichen Gründen anders aus: Da kommen die Kinder zusammengerechnet nur noch fünfmal in die Schule – davon ist dann einmal die Bücherrückgabe impliziert. Lohnt sich das? Ist die Öffnung der Schulen wirklich nötig gewesen?

Höre ich mich um, begegnet mir viel Frust. Anstelle des stellenweise überzeugenden Fernunterrichts („Homeschooling“) tritt nun ein System aus halben Kursen, bei denen entweder die gleiche Stunde zweimal hintereinander abgehalten wird oder die Kolleginnen und Kollegen zwischen zwei Räumen hin und herspringen und den Unterricht vorantreiben. Auch meine eigene Tochter wird ihre Schule in diesem Schuljahr nur mit Glück noch mehr als sechsmal von innen sehen.

Für sie, die sich einen strukturierten Lehrplan ausgedacht hat und diszipliniert jede Lernaufgabe ihrer Lehrer abarbeitet, macht es tatsächlich keinen Unterschied, ob sie diese paar Tage nun in der Schule oder auch zu Hause verbringt. Insofern ist der Ärger über den Aufwand in den Schulen verständlich.

Obwohl wir als Schule sehr gut aufgestellt und unsere Kinder überaus erfahren im Umgang mit den digitalen Werkzeugen sind, empfinde ich die Präsenztage als überaus wichtig. Denn im Blick habe ich nicht jene Leistungsspitze, die mir noch nach 21 Uhr per Teams Nachrichten schreibt, weil sie an einer mathematischen Hürde verzweifeln und auch nicht jene, die sich bewusst jeder schulischen Anstrengung verweigern. Die wochenlang untertauchen. Auch für sie machen fünf Tage Unterricht im Klassenraum nun keinen Unterschied mehr.

Aber es gibt an jeder Schulform und in jeder Klasse eine Handvoll Schülerinnen und Schüler, die unauffällig im Strom mitschwimmen. Die bei den Videobesprechungen anwesend sind. Immer irgendwas abgeben, aber in der Masse untertauchen. Und diese Schüler sehe ich nun vor mir. Erkenne in ihren Gesichtern völlige Ahnungslosigkeit und entlocke ihnen das Geständnis, sechs Wochen Ferien genossen zu haben.

Für jene Kinder ist jeder einzelne Präsenztag wichtig. An diesen Tagen bekommen sie nicht nur eine schritliche Rückmeldung („Stefanie, ich warte auf die Rückgabe der Wochenplanarbeit!“) sondern auch ein audio-visuelles Feedback in Form meiner Stimme und meines genervten Gesichtsausdrucks. Ich habe hochintelligente Schülerinnen und Schüler, die nunmal einfach elf- und zwölf- und dreizehnjährige Kinder sind ohne die Struktur Schule und den regelmäßigen Tritt in den Hintern nicht arbeiten. Kinder, die am Montag noch mit leeren Gesichtern vor mir saßen und am Dienstag, nach nur einem einzigen Tag, wieder aktiv am Unterricht teilnehmen konnten.

Nicht für die leistungsstarken sind die Präsenztage wichtig. Nicht für die notorischen Schulschwänzer. Sondern für die dazwischen.

Zu Beginn der Krise wurde – zurecht – auf die Bildungsungleichheit in diesem Land hingewiesen. Wie unterschiedlich die Ressourcen verteilt sind und wie sehr die Schere durch die Schulschließung auseinandergeht. Durch Ausstattung. Durch familiäre Situationen. Durch Geld.

Die Wiederöffnung der Schule bedeutet für einige meiner Schüler, dass sich diese Schere wieder schließt.