Vor einigen Jahren hatte ich Aha-Erlebnis: Martin Kramer erzählt in seinem Buch „Physik als Abenteuer“ davon, wie er Kuscheltiere im Unterricht benutzt. Innerlich verdrehte ich die Augen, sah mich schon mit einer Handpuppe und krächzender Stimme meinen letzten Rest an Ruf und Respekt verlieren.

Erst, als ich mich ein wenig in sein Konzept vertieft und darüber nachgedacht habe, konnte ich der Sache angemessen begegnen: Und heute? Da habe ich mit Brúno und François gleich zwei Bären, die in meinem Unterricht regelmäßig vom Dach der Schule stürzen, unter Strom gesetzt oder mittels Gewichten gefoltert werden. Und die Schülerinnen und Schüler lieben und hassen mich ein wenig dafür dafür – sind aber in jedem Fall emotional stärker in das Thema eingebunden.

Innerlich ärgere ich mich noch heute, dass ich der Idee so voreingenommen begegnet bin. Zumal ich neulich erneut so einer bescheuerten Idee  begegnete, innerlich die Augen verdrehte – und inzwischen ganz begeistert bin. Die Rede ist vom Fluchen.

Bei ntv bin ich über einen Artikel gestolpert, dessen schulischen Kontext nicht zu verachten ist: Die Deutschen fluchen immer sexualisierter. Aus „Scheiße“ wird „Fuck“. Und wie alle gesellschaftlichen Entwicklungen spiegelt sich auch diese in der Schule wider. Ob „Opfer“ oder „Hurensohn“ – kein Tag ohne Schimpfwortgewitter.

Wie ich damit umgehe?

Fluchen und Schimpfen sind bei mir absolut erlaubt: Aber nur zu einem bestimmten, gemeinsam ausgewählten Thema. Diese Woche zum Beispiel: Gemüse.
Erlaubt sind also Schimpftiraden wie „Du … Gurkenscheibe!“ oder „Du bist so eine Paprika!“

Das klingt erstmal lächerlich. Tatsächlich ist diese Einführung für die Kinder zunächst ein großer Spaß. Es wird geschimpft und geflucht, was das Zeug hält (und nebenher viele neue Vokabeln gelernt „…du Rettich!“ „Was ist denn das?“).

Spannend ist, dass sich die Schülerinnen und Schüler selbst an diese Regeln erinnern: „Hey, Mustafa, du sollst nicht Wichser sagen! Diese Woche ist Autoteile-Woche. Sag sowas wie ‚du Rückspiegel‘ oder so.
Darüber hinaus bietet die Ritualisierung des themenorientierten Fluchens ein enormes Potenzial, in Situationen deeskalierend zu wirken:

„Alter! Der Hurensohn hat mir meinen Stift weggenommen!“
„Stefan, ich verstehe deine Wut. Wiederhole das bitte noch einmal und achte diesmal auf das Motto!“
„Ey, diese Zwiebelsuppe hat mir meinen Stift weggenommen.“
„Ja, aber nur, weil der … weil diese Tomatensuppe mit zuviel Zwiebeln vorher auf mein Blatt gekritzelt hat!“

Es ist schier unmöglich, dabei im gleichen, aggressiven Grundton zu bleiben. Und je freundlicher ich als Lehrer auf das Motto hinweise – Schimpfen ausdrücklich erlaubt, aber im Rahmen der Regeln! – desto absurder wird die Situation.

Wenn gelacht wird, geht es oft wieder in die richtige Richtung.