Meine jüngste, fünfjährige Tochter langweilt sich seit Tagen und Wochen und Monaten durch die Zeit. Ewige Sommerferien. Weil das auch für uns Eltern stellenweise unerträglich wird, hat sie ein kleines, elektronisches Spielzeug geschenkt bekommen. Darauf kann sie kleine Spiele spielen, aber lernt auch lesen und schreiben und die Uhrzeit lesen. Ihr größtes Hobby aber ist das Fotografieren mit der eingebauten Kamera.

Und wäre das Spielzeug von Nintendo, hätte ich wohl nicht so viel kritisches Kopfschütteln erfahren. Aber es handelt sich um ein altes Handy. Und das führt zu vielen Kommentaren. „In dem Alter? Muss das sein?“

Nein, dass muss es natürlich nicht.
Aber meine Fünfjährige darf ihre Freundinnen nicht besuchen, der Kindergarten war zwei Monate geschlossen und führt jetzt nur ein Notprogramm durch. Dieses Kind langweilt sich jeden Morgen, jeden Mittag und jeden Nachmittag. Anfangs haben wir ihr Hausaufgaben gegeben. Vorschulaufgaben. Linien zeichnen, Muster erkennen. Aber das war nicht genug.

Mittlerweile hat dieses fünfjährige Mädchen lesen gelernt. Mithilfe einer App. Jeden Abend liest sie nun eine Seite eines Buches. Sie hat auch Rechnen gelernt. Auch mithilfe einer App. Der Zahlenraum bis zehn sitzt sicher. Und Conni sei Dank kann sie auch die Uhr lesen.

Aber ein Handy? In dem Alter?

Ihr größtes Hobby ist das Erstellen von Dokumentationen. Der Hund wird ausgiebig gefilmt und vorgestellt. Ich soll drehen, wie die Hühner ihr die Körner aus der Hand picken. Sie interviewt alle Familienmitglieder ausgiebig. Manchmal dreht sie neue Paw-Patrol-Folgen mit ihren Kuscheltieren. Heute haben wir im Garten das Cola-Mentos-Experiment durchgeführt und sie hat erst Nahaufnahmen erstellt und anschließend die spektakuläre Fontäne gefilmt.

Fernsehgucken langweilt sie übrigens. Sie ist neugierig und kreativ. Sie will etwas tun. Wir sind in der Erziehung unserer Kinder stets gut damit gefahren, Vertrauen zu schenken und Umgang gemeinsam zu erlernen. Das hat bei der Großen ganz hervorragend funktioniert und sieht auch bei der Jüngeren gut aus.

Aber natürlich ist nicht alles digital bei uns.
Vor Jahren habe ich eine Kiste mit „Dark Force“ Karten gebraucht bei ebay ersteigert. Dark Force war ein sogenanntes Sammelkartenspiel, bei dem man sich ein Spieldeck zusammenbaute und dann gegen andere Spieler antrat. Ich habe die Regeln aber nie verstanden und, weil es wohl auch eher mau gewesen sein soll, fehlt mir jede Lust, sie mir anzueignen. Statt dessen wir uns heute einfach Regeln ausgedacht:

Wir haben die Karten sortiert nach Eigenarten (Gelände, Kreatur) und Fraktion (Menschen, Elben & Zwerge, Orks). Und dann ging es ganz einfach los: Immer der Reihe nach durfte man entweder ein Gelände ziehen und ablegen (und sich ein Reich aufbauen) oder eine Karte von seinem Fraktionsstapel ziehen und irgendwo ablegen oder mit bereits abgelegten Figuren ein Gelände weiterziehen.

Treffen gegnerische Figuren aufeinander, wird um das Land gekämpft. Ein Würfel bringt ein wenig Zufall ins Spiel. Hin und wieder kamen Kreaturen wie Drachen, Einhörner, Spinnen und sonstiges Getier zufallsbasiert ins Spiel. Zwischendurch änderten wir die Regeln, wenn es uns passte und lachten, johlten, staunten. Insbesondere meine jüngste Tochter saß mit großen Augen vor ihren Karten, las stolz die Titel vor, rechnete mit Fingern Würfel- und Kampfwerte zusammen und genoss den Nachmittag. Die große Tochter dagegen manipulierte ihre eigenen Würfelwerte zum Ende des Spiels oft so, dass sie knapp gegen ihre jüngere Schwester verlor. Wie die gute Lehrerin, die sie einst werden wird, trieb sie Dramatik und Spannung immer weiter auf die Spitze, um am Ende in einem spektakulären Kampf zu verlieren.

Den Jubelsturm der Jüngeren und das weise Lächeln der Älteren sind die Momente, mit denen ich in die Sommerferien starte.

Ein guter Beginn, wie ich finde.