Ich empfinde die aktuelle Zeit auch deshalb als anstrengend, weil sie von mir ständige Aufmerksamkeit und gedankliche Anstrengung verlangt. Ich kann nicht, wie sonst, Geschehnisse mit einem Achselzucken hinnehmen und mich ablenken.

Ob Corona, Schule im Aufbau, die Wahl in den USA oder der normale Alltag zwischen Unterricht, Elterngesprächen und Familie. Alles betrifft mich mittel- oder unmittelbar und verlangt von mir, sorgsam durchdacht zu werden. Umso wichtiger, dass ich immer wieder auf Rituale und Sicherheiten zurückfalle.

Was in meiner nächsten Ehe besser werden soll. 1Vor einigen Jahren unterhielt ich mich mit meiner Frau bei einem Glas Wein Traubensaft und großartigem Essen gut gelaunt über die Frage, was wir in unserer nächsten Ehe, unseren nächsten Partnern wohl anders machen würden. Wenn wir noch einmal neu anfingen.

Und natürlich erinnert man sich, gleich Neujahr, an all die Vorsätze und Verklärungen, die man sich einst ausmalte. Romantische Frühstücke und gemeinsames kochen abends. Gemeinsame Theaterbesuche und erfolgreiche Tanzkurse.

Und während ich mir das ganz begeistert und in bunten Farben ausmalte und ich mich schon ein klein wenig auf diese fiktive, zukünftige Ehe freute, zerbrach meine Frau diese Traumwelt mit der simplen Frage:

„Und was hält uns davon ab, all das jetzt schon zu tun?“

Ja. Was eigentlich?

Unter anderem haben wir damals einen wöchentlichen, familiären Kino- und einen Lesetag eingeführt. Und während ich ersteren nur aus Liebe zu den Kindern ertrage („Oh ja, lass uns NOCHMAL die Eiskönigin gucken!“) gewinnt der Lesetag Jahr für Jahr an Bedeutung.

Mit der Jüngsten lese ich gerade Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Ein Buch, an dessen Magie ich mich nur noch dunkel erinnere. Aber es kommen Prinzessinnen darin vor. Und Drachen. Und Piraten. Interessant ist der durchscheinende, aber geschichtlich zu beurteilende, Rassismus im Buch, den ich heute bewusst wahrnehme und beim Vorlesen auch mal überspringe.
Jeden Abend lesen wir ein Kapitel durch, am Lesetag („Wann ist endlich wieder Samstag, Paaaapaaaaa?“) auch gerne drei oder vier. Oft gemeinsam. Ich den Erzähler, sie Jim oder Lukas. Wunderbar ist, wenn die große Tochter der kleinen ein Kapitel vorliest und sich selbst in dem Buch verliert.

Was in meiner nächsten Ehe besser werden soll. 2Auf welche kitschigen Rituale, welche rosagepuderten Dinge möchte ich in meiner nächsten Ehe Wert legen?

Oder anders: Was soll morgen anders werden als heute?

Diese Frage bewegt mich wieder und wieder. Was würde ich anders machen? Und das mache ich dann.

Das Zurückfallen auf diese festen Rituale und Bräuche, diese Elemente meines Lebens, die wieder und wieder einer Prüfung unterzogen wurden, hilft mir ungemein, kognitiv herunterzufahren.

Wandern. Fahrradfahren. Gemeinsames Frühstück (mit Kerze!). Lesetag. Kinotag mit Mikrowellenpopcorn.

Wenn das seinen Platz findet, habe ich auch neben Corona, Politik, und Alltag auch wieder Gedanken für Lerntheken, Projektarbeit und neue Bücher. Aber es ist und bleibt anstrengend. In dieser Ehe und der nächsten.