Wenn Worte Wunden reißen. 1

In der vergangenen Woche hat meine älteste Tochter ihren fünfzehnten Geburtstag gefeiert. In Zeiten von Corona, Rekordinfektionszahlen und Kontaktbeschränkung nicht der beste Zeitpunkt, um eine Party auszurichten. Eher wehmütig erinnert sie sich an die Gruselparty vor drei Jahren.

Ich schätze, als Teenager gibt es wenig Schöneres, als den eigenen Geburtstag mit kleinen Geschwistern und Eltern zu feiern.

Die YouTuberin Thoraya Maronesy zeichnet sich dadurch aus, dass sie für ihren Kanal reduzierte Interviews mit Fremden auf der Straße führt. Oft stellt sie nur eine einzige Frage, manchmal lässt sie die Menschen zu einem Stichwort erzählen. „Wann hast du dich völlig verlassen gefühlt?“

Die Antworten rühren mich oft an. Tragische, komische und befreiende Geschichten wechseln sich ab. Erzähl mir von deiner ersten Liebe„.

Ich mag diesen Kanal sehr. Ich mag, wenn Menschen ihren Gefühlen Worte verleihen können. Schaue ich sonst vermehrt Videos über Technologie, Wissenschaft oder Minimalismus, so versteht Maronesy es geschickt, mir Menschen und ihre Geschichten nahezubringen. Wann hast du dich wirklich lebendig gefühlt?

Im Gedächtnis bleiben mir vor allem die tragischen Geschichten. Jene, die von Verletzung und unaufgelösten Konflikten erzählen. Eine junge Frau, die aufgelöst vom Tod ihres Bruder erzählt. Ein Mann, der sich von seiner Familie entfremdet hat. Berichte, die manchmal bitter klingen und manchmal gleichzeitig Befreiungsgeschichten sind. Auf die Frage nach tiefen Wunden geht es auffällig oft um Eltern-Kind-Beziehungen.

„Als meine Mutter mir einmal sagte, ich wäre eine Last.“ „Mein Vater meinte, ich wäre eine Enttäuschung!“

Häufig liegen die Worte viele Jahre in der Vergangenheit. Und schmerzen immer noch. Es ist doch verrückt – wir können dreißig, vierzig Jahre alt werden und bleiben doch immer die Kinder unserer Eltern. Ein falsches Wort genügt.

Ich feiere den Geburtstag meiner Tochter und denke darüber nach, welche Wunden ich gerissen habe. Welche achtlosen Blicke, Bemerkungen, Satzfetzen ich ihr in den letzten Jahren vielleicht an den Kopf geworfen habe.

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Ich glaube, das Eltern-sein gar nicht so schwer ist.
Am Ende geht es um Liebe. Und Unsinn machen. Um „Wer-zieht-dem-anderen-zuerst-die-Socken-aus„-Kämpfe. Das eigene Kind auf den Schulten zu tragen. Um Chaos. Darum, nicht wahnsinnig zu werden, wenn das Kinderzimmer im Chaos versinkt und sich überall im Haus Glitzerpulver verteilt. Und es geht darum, sich für Fehler zu entschuldigen. Sich klein zu machen. Auf Augenhöhe zu begegnen. Immer wieder das eigene Kind aufzurichten.

Den eigenen Sohn, die eigene Tochter aufzurichten, las ich einmal, müsse man immer wieder als heilige, fast spirituelle Handlung betrachten. Physisch, so lange sie klein sind und mental, wenn sie groß sind. Meine Töchter aufzurichten bedeutet, ihre Perspektive zu verändern. Sie auf meine Schultern zu setzen bedeutet, sie die Welt durch meine Augen betrachten zu lassen.

Fünfzehn Jahre teilt diese wunderbare junge Frau jetzt unser Leben. Wir könnten nicht glücklicher sein. Als wir ihr das einmal mehr in salbungsvollen Worten bedeutungsschwanger mitteilen, grinst sie verschmitzt und fragt, ob wir gleich Taschentücher brauchen. Blöder Teenager!