Ob Instagram, Youtube oder TikTok – immer mehr Menschen werden von Konsumenten zu Produzenten. „Influencer“ schimpfen manche abfällig. Die eigene „Leidenschaft zur Profession machen“ sagen andere. Ein Plädoyer fürs bloggen im dritten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends.

Die Ankunft meiner dritten Tochter in unseren Familienalltag und die damit verbundenen kurzen Nächte habe ich genutzt, um – Baby und Flasche auf dem Arm – einige Bücher querzulesen. Neben zwei Büchern über Statistik waren das vor allem Das Aha-Erlebnis (Kounios & Beeman), Kreativität (Csikszentmihalyi) und Bergauf mit Rückenwind (McGonigal). Alle drei gehen der Frage nach, wie man die eigene Kreativität fördern und seine Ziele energischer verfolgen kann.

bloggenCsikszentmihalyi führt den Leser in seinem Buch in das Florenz des Jahres 1400, ein Schmelztiegel der Kreativität. Dabei wird schlüssig aufgeführt, dass die Entstehung von Meisterwerken an einem Ort und zu einer Zeit nicht zufällig entstand, sondern Florenz schlichtweg die perfekten Lebens- und Arbeitsbedingungen für Künstler bot: lang vergessene, römisch-antike Methoden der Architektur, Bildhauerei und Malerei und kreative Berufe wurden großzügig von der Stadt gefördert. Ein zeitnäheres Äquivalent finden wir im heutigen New York oder – für den IT-Bereich – im Silicon Valley. Eine Umgebung, wie geschaffen für Künstler und Schaffende.

Kurzer Schwenk: Studien aus den USA haben nachgewiesen, dass sich innerhalb einer sozialen Gemeinschaft sowohl Fettleibigkeit als auch der Hang zum Alkoholmissbrauch ähnlich einem Krankheitserreger verbreiten können. Als könnten wir uns gegenseitig mit etwas so Komplexem wie fehlender Impulskontrolle infizieren – oder einfacher gesagt: positive wie negative Verhaltensweisen sind ansteckend.

Das lässt sich zum Teil auf das Wirken von Spiegelneuronen in unserem Gehirn zurückführen: Wenn uns ein Baby anlächelt, lächeln wir automatisch zurück. Erzählt uns jemand eine tragische Begebenheit, legen wir die Stirn in Falten und schauen bekümmert. Wir reflektieren Verhaltensmuster, passen uns an.

Beide Aspekte ergeben in Kombination eine aufregende Perspektive: Durch verschiedene Filter kann ich mein Internet ein Stück weit formen und zu meinem Florenz, meinem New York, meinem Silicon Valley machen.

Das eigene Internet schaffen

Smartphone und Bohrmaschine

Konkret: Mein Youtube schlägt mir Videos zu Designgestaltung, Do-it-Yourself-Anleitungen für Heimwerker, Filmanalysen von Drehbuchschreibern oder verschiedene Vorträge vor. Mein Twitter besteht zu 90% aus Lehrerinnen und Lehrern, die Unterrichtsideen präsentieren, Schulentwicklung diskutieren und ihr Fachwissen einbringen. Mein RSS-Reader liefert mir (ohne Werbung und Zeitverzug) persönlich ausgewählte Artikel auf mein Smartphone – wie eine personalisierte Tageszeitung (wie das geht habe ich hier beschrieben: Link).

Mein Florenz. Mein New York. Mein Silicon Valley.

Ich bin umgeben von Kreativen, von Produzenten, von Schaffenden. Das inspiriert mich und fordert mich heraus, selbst kreativ zu sein, selbst zu produzieren, selbst zu erschaffen.

Ebenso wie der E-Mail wurde auch dem bloggen schon mehrfach das Ende vorausgesagt: Zu langsam, zu statisch, aus der Zeit gefallen. Nachdem in den letzten Jahren die Entwicklung zu immer kürzer, immer schneller (Twitter statt Facebook, Instagram statt Fotocommunity, TikTok statt YouTube) und damit Inhalte immer kürzer, schärfer und provokanter gestaltet wurden, betrachte ich das Bloggen als eine Art Ruhepol.

Hier darf man sich noch zurücklehnen und im eigenen Tempo lesen, querlesen oder überfliegen.

Nur Mut! Bloggen lohnt sich.

tl;dr (Too long; didn’t read)

Genau darum geht’s. 😉

6 Gedanken zu „Warum sich bloggen auch 2021 noch lohnt!“

  1. Du hast absolut Recht! Allerdings merke ich dieser Tage, dass Blogschreiben auch Luxus ist, der einen gewissen Zeitaufwand erfordert, der bei sozialen Netzwerken so nicht existiert. Da geht es viel schneller Content zu produzieren. Und sei es nur, sein Essen zu zeigen 😉
    Ich hoffe, dass ich die Tage auch mal wieder Zeit finde.
    Wie immer ein toller Text!

  2. Vielleicht kommt es zu einem Revival des Blogs? Du bist nicht der Erste, der das Bloggen und das Blog als Medium dieses Jahr feiert 😀 Und Danke für die Übersetzung des tl;dr :’D

      1. Nicht gerade aus dem Bereich Schule/Bildung, sondern eher aus dem Bereich Personal Blogs/Lifestyle Blogs. Die, die mir jetzt grad einfallen, wäre magnoliaelectric.net und groschenphilosophin.at (die mit dem Format Retro-Blogging das Bloggen von „damals“ feiert).

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