In dieser Woche können sich die Kinder an vielen Schulen einem Coronatest an sich selbst durchführen. Das Land gibt mir allgemein gehaltene Hinweise in die Hand, wie die Klassen im Vorfeld auf den Test vorzubereiten sind – und wie im Nachgang damit umzugehen ist. Doch was sich auf dem Papier nachvollziehbar liest, sieht in der Realität oft anders aus.

Coronatest - AnleitungNiemand wird gezwungen, einen solchen Test durchzuführen, aber es wird darum gebeten. Auf der Seite des Ministeriums kann man, neben einer bebilderten Anleitung zur Durchführung auch eine Widerspruchserklärung in verschiedenen Sprachen herunterladen und von den Eltern ausfüllen lassen. Wer ohne eine solche Erklärung in der Schule erscheint, aber trotzdem nicht getestet werden will, der… nunja.. wird halt nicht getestet. Wir können die Kinder ja nicht zwingen.

Wessen Test positiv ausfällt ist zunächst von den anderen zu isolieren (und im Zweifel am offenen Fenster zu parken) und soll darüber hinaus verständnisvoll begleitet werden. Die Kinder dürfen nicht mit dem Bus nach Hause kommen, sondern müssen abgeholt werden. Wenn die Eltern aber auf der Arbeit sind… nunja.

Eine Meldung ans Gesundheitsamt erfolgt auch bei positivem Test nicht – stattdessen sollen die Kinder zum Hausarzt gehen und einen PCR-Test machen. Tun sie das nicht.. nun… dann tun sie das nicht.

Im Twitterlehrerzimmer hat eine Kollegin das treffend zusammengefasst:

„Es gibt Tom, der bei einem positiven Test schreit „Yeah! Jackpot, Alter! Quarantäne! Zocken!“ und seine Kumpels abklatscht. Es gibt Lisa, die heulend zusammen bricht, weil ihre Eltern sie für das Ergebnis bestrafen werden. Es gibt Miriam, deren Eltern getrennt und nicht vor spät nachmittags erreichbar sind und sich hässlich streiten, bei wem das kranke Kind jetzt die Quarantäne verbringen soll. Es gibt Max, dessen Eltern „nicht an Corona glauben“ und für Ostern Mallorca gebucht haben. Es gibt Lars, bei dem die schwer kranke Oma mit im Haus wohnt. Es gibt Tanja, die nach der Schule ihre drei jüngeren Geschwister beaufsichtigen muss, weil beide Eltern berufstätig sind. Es gibt Felix, der in der Klasse gemobbt wird, es gibt unendlich viele unendlich unterschiedliche Kinder und Familien.“

9000 Kräfte aus der Pflege haben in den letzten Monaten frustriert gekündigt. Während am Wochenende 10.000 Menschen in Kassel ohne Maske fröhlich und frei gegen eine vermeintliche Diktatur protestieren und ihre eigenen Kinder ohne Scham als Schutzschilde missbrauchen, müssen wir Lehrkräfte eben diese Kinder nach solchen Events am Montag wieder im Klassenraum tolerieren.

Wie müde ich bin. Seit vielen Monaten verkneife ich mir praktisch jeden Besuch und jede Reise und muss zusehen, wie die Polizei bei solchen Großveranstaltungen daneben steht und Herzchen zeigt.

Deutschland muss aufpassen, dass neben der Lücke im Gesundheitssystem nicht auch die im Bildungssystem immer größer wird.