Die Entscheidung, Annalena Baerbock zur Kanzlerkandidatin der Grünen zu machen ist für mich ein Grund zum Feiern – denn Politik ist auch eine Bauchentscheidung. Ein persönlicher Eindruck.

Ich bin Teil einer Schulleitung einer städtisch geprägten Gesamtschule. In den vergangenen Monaten hieß das mehr als einmal, ministeriale Schulmails am Freitagabend abzurufen um damit den Schultag für Montag zu gestalten. Öffnen. Schließen. Teilöffnen. Ob ein Videokonferenztool erlaubt oder verboten wird, sagen wir euch. Später. Und vielleicht ändern wir unsere Entscheidung auch im Laufe des Jahres.

Privat darf ich nur von einer Person besucht werden, aber muss mit 15 Kindern aus 15 Haushalten stundenlang in einem Raum ausharren. Was die Schulministerin Frau Gebauer in NRW in den letzten Monaten von sich gegeben hat, sorgte bei mir oft genug für Unverständnis.

Ich möge doch eine Kerze ins Fenster stellen, um an all die Corona-Toten zu denken. Und wenn ich schon am Fenster stehe, könnte ich auch gleich noch für die Pfleger klatschen. Statt die Schulen zu schließen, stellen wir Kerzen ins Fenster. Statt uns Lehrer:innen bei der Gestaltung von Leistungsüberprüfungen einfach zu Vertrauen und freie Hand zu lassen, stellen wir Kerzen für die verstorbenen Lehrer:innen und Eltern und Kinder ins Fenster.

Ich habe in den vergangenen Monaten über Entscheidungen oft den Kopf geschüttelt. Aber zuletzt habe ich resigniert.

Anstatt sich um die katastrophalen Zustände in diesem Land zu kümmern, erlebe ich Abgeordnete, die sich durch eingefädelte Masken-Deals persönlich bereichern. Mit Laschet und Söder beobachte ich (als politischer Laie) zwei Abgeordnete, deren Hauptsorge die eigene Kanlzerkandidatur ist – und nicht etwa die tausenden Tote dieses Landes, die Intensivstationen am Anschlag oder vielleicht, wie man das Impfen mal besser ans Laufen kriegen könnte. Seit Wochen agiert die (von mir wahnsinnig geschätzte) Bundeskanzlerin völlig passiv. Hin und wieder bittet sie um Rücksichtnahme und schaut tatenlos zu, wie das Land den Bach runter geht.

Politik betrachte ich als völliger Laie. Ich habe weder die Parteiprogramme studiert, noch kann ich den Unterschied zwischen einer Abgeltungssteuer und einer progressiven Steuer erklären (die Grünen wollen das eine durch das andere ersetzen). Oft genug habe ich den Wahl-O-Mat benutzt.

Ich wechselwähle nach ein paar Grundsätzen und tief beeinflusst von meinem Bauchgefühl.

Mein Bauch ist wahnsinnig genervt von Söder und Laschet. Auf mich wirkt es, als ginge es ihnen um Macht. Um Einfluss. Um einen Platz in den Geschichtsbüchern. Ich habe in den letzten Monaten viel Vertrauen in die Politik, speziell in die CDU verloren.

Annalena Baerbock

Die Wahl von Annalena Baerbock lässt mich dagegen aufjubeln.

„Die hat doch noch nie einen Ministerposten bekleidet!“ „Ihr fehlt die Erfahrung!“

Beides stimmt. Und trotzdem gibt mir Frau Baerbock das Gefühl, dass da jemand vorne stehen könnte, der klug ist. Der arbeiten kann.
Wenn Erfahrung bedeutet, dass man die Firma des eigenen Sohnes protegiert (Laschet) oder beständig in Bavaria-First des Geburtsbundeslands (Söder) schwelgt – dann ja, bitte, frischer Wind. Und eine Frau noch dazu!

Es ist ein bisschen ein Gefühl von Aufbruch. Wie damals, als wir alle fasziniert in der legendären Elefantenrunde den Abschied von Gerhard Schröder bestaunten. Erinnert ihr euch?

Auch das war ein Neuanfang. Frischer Wind.

Frau Baerbock. Bringen Sie einen neuen Start in dieses Land. Ich freu mich drauf!

Ein Gedanke zu „Warum ich die Wahl von Annalena Baerbock feiere!“

  1. Pingback: Konsequenzen aus dem "Impfneid" - Halbtagsblog

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.