In den letzten Wochen ist mir die Wendung „Impfneid“ immer wieder begegnet und mir fällt kaum ein Begriff ein, der die aktuelle Situation so treffend beschreibt. Ein paar Gedanken und Konsequenzen dazu.

In den letzten Wochen war ich arg angefressen. Wann immer an der ein oder anderen Stelle gesellschaftlich Hoffnung aufkam, wurde sie durch Untätigkeit, Überregulation oder Unfähigkeit zerstört:

  • „Cool! Durch viel Testen können wir Infektionsherde schnell identifizieren und ein dann…“
    „Oh, es gibt kaum Tests.“

  • „Cool, wenn sich alle an die Maskenpflicht halten, dann könnten wir…“
    „Oh, die Masken taugen nichts und müssen weggeworfen werden.“
  • „Cool, eine neue App, die es ermöglicht, dass man unkompliziert einchecken kann und…“
    „Oh, der Datenschutz. Und viel weitere Kritik.“

  • „Cool, wir können impfen.“
    „Oh, leider gibt es zu wenig Impfstoff. Wartezeit einige Monate.“

Ein beständiges hin und her, das mich zuletzt arg zermürbt hat.

Als dann hier und da die ersten Menschen in meinem (virtuellen) Umfeld geimpft wurden, entstand so etwas wie ‚zähneknirschende Freude‘: Impfneid.

Was ein passendes Wort für diese ambivalente Zeit. Eigentlich etwas positives, etwas, dass uns Schritt für Schritt voran bringt – aber wir müssen uns zur Freude für andere ein wenig mühen. Unvergessen, wie sich ein Freund bei mir schier entschuldigte, schon geimpft worden zu sein. „Ich traue mich kaum, es zu sagen…“ Ambivalenz.

ImpfneidUnd während jene, die geimpft werden wollen sich gegenseitig kritisch beäugen, laufen die Verirrten im Gleichstrom gegen eine fiktive, reptiloide Verschwörung von Bill Gates Sturm und kosten zusätzlich Kraft. Um die Grundschule meiner Tochter wurden in der Nacht zu Montag haufenweise bunt bemalte Plakate angeklebt und Schilder in Vorgärten gestellt: „ANGST!“ „IHR VERGEHT EUCH AN DEN KINDERN!“

Lauter so Quatsch, der bei den Kindern auf dem Schulweg zu Verunsicherung geführt hat. „Was steht da?“ „Warum schreiben die das?“

Doch welche Konsequenzen ziehe ich daraus (außer in der Klassen-Elterngruppe sehr deutlich zu formulieren, dass sich diese Idioten ihre Meinung mal tief ins Beatmungsgerät stecken können)?

Darüber habe ich einige Tage nachgedacht. Über Impfneid. Und Querdenker. Und Demokratie. Über „Don’t make stupid people famous“ oder „lautstark dagegenhalten.“

Die Konsequenz muss bei einigen Themen sein, lauter zu sein. Dagegen zu halten. Grenzen zu ziehen.

Kommende Woche werde ich geimpft. Rheinland-Pfalz lässt seit dieser Woche auch Lehrkräfte an weiterführenden Schulen zu. Ich wohne in einem Mehrgenerationenhaus mit Großeltern auf der einen und einem Baby auf der anderen Seite des Esstischs. Präsenzunterricht bei hohen Inzidenzen ist seit Monaten ein Spiel mit dem Feuer. Für uns ist die Impfung ein Grund zur Freude und tendenziell eine lebensrettende Maßnahme.
Und auch, wenn sich der ein oder andere nur zähneknirschend freuen kann: Freut euch! Ich bin Impfluencer! Einer weniger auf der Liste der Gefährdeten und Gefährdenden. Einer, der laut verkündet, wie wichtig diese Impfung ist!

Konsequenzen aus dem "Impfneid" 1Und die Konsequenz muss lauten, die Demokratie dieses Landes zu stärken. Also habe ich einen Mitgliedsantrag für jene politische Partei ausgefüllt, von der ich denke, dass sie viele meiner Überzeugungen vertritt und (noch wichtiger) deren Grundmaxime Hoffnung und Miteinander ist.

Es darf bei einigen Dingen kein Zurück mehr geben. Keine 80 Jahre mit politischer, keine 150 Jahre mit gesellschaftlicher und auch keine 400  Jahre mit wissenschaftlicher Brille.

Es geht voran. Wir sind mehr.

7 Gedanken zu „Konsequenzen aus dem „Impfneid““

  1. Wie schwer fällt es in dieser Zeit, tolerant zu sein. In meinem Freundeskreis gibt es Leute, die sich nicht impfen lassen wollen. Und hier begegnen sich verhärtete Fronten: Ich konnte mich heute impfen lassen und bin heilfroh, auf der anderen Seite wird von Impfschäden und natürlicher Herdenimmunität geredet. Aber wer bin ich, dass ich mich im Besitz der einzig wirklichen Wahrheit wähnte? Ich habe sogar Freunde in den USA, die Trump-Wähler sind und die ich noch immer meine Freunde nenne. Ich diskutiere leidenschaftlich gerne – und am Ende macht es jeder so gut wie er kann. Auch wenn ich es lieber vielleicht nicht wahr haben will: Es besteht die Möglichkeit, dass ich nicht die hellste Kerze auf der Torte bin, und Entscheidungen, die ich echt intelligent fand, ware im Nachhinein nicht so gut. Bedenke: Ich unterschreibe jedes deiner Worte, aber die anderen, die Impfgegener und Trumpwähler dieser Welt, sind nicht notwendigerweise tumben Toren – sie kommen nur zu anderen Schlüssen.

    1. Hm, hm. Ich kann akzeptieren, wenn Menschen dem Impfen gegenüberstehen.
      Aber wenn ich wähle zwischen Leuten von der YouTube Universität und dem Telegram Kolleg auf der einen, und Wissenschaftlern auf der anderen Seite scheint mir die Sachlage recht klar (bezogen auf zahlreiche abergläubische Verschwörungsfantasien).
      Da ist mir der Republikaner-Demokraten-Ansatz über unterschiedliche Ideen der Staatsführung deutlich näher als Menschen, die unsichtbare Würmer in Masken vermuten.

      1. Das ist extrem abwertend. Menschen, die eine Meinung haben, die ich selber weder teile noch nachvollziehen kann, sind nicht automatisch dumm. Wenn sich einer nicht impfen lassen will, hat er vielleicht schlechte Erfahrungen gemacht. Impfschäden gibt es wirklich. Und machen wir uns nichts vor: Wir wissen wenig. Schreib eine Nachricht an dein zukünftiges Ich und frag dich mal in 10 Jahren, wie die ganze Corona-Zeit und unsere Aktionen zu bewerten sind. Ich habe 1998 Gerhard Schröder gewählt und dachte wirklich und wahrhaftig, das wäre eine gute Entscheidung. Harhar.

        1. Vermutlich hätte ich besser differenzieren müssen: Ich beziehe mich nicht auf Leute, die nur der Impfung skeptisch gegenüber stehen (unabhängig von meiner persönlichen Meinung) oder sich kritisch mit den Maßnahmen der Regierung auseinandersetzen. Aber bei Menschen, die sich in wilden Verschwörungserzählungen verstricken ist für mich Schluss. Egal ob Q oder Morgellons oder die vermeintliche Belastung durch Masken. Das ertrage ich nicht.

      2. Ich hoffe der Antrag wird rechtzeitig angenommen, dass Du noch Bundeskanzler werden kannst. Dann kann es mal endlich voran gehen.

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