Der großartige Ali Abaal erzählt von drei Möglichkeiten, das eigene Leben zu reflektieren, aber seine Interpretation bringt mich unfreiwillig zum Lachen – trotzdem beschäftigen mich seine Gedanken.

Auf YouTube sehe ich mir gerne die Videos von Produktivitäts-Gurus an. Ali Abdaal ist einer von ihnen und beschreibt diesen Drang nach Optimierung überaus treffend: Es geht nicht darum, überall noch zwei Sekunden einzusparen und alles auf Effizienz zu trimmen um schneller ans Ziel zu kommen – sondern darum, die Reise zu genießen.

Ich mag diese Betrachtungsweise.

In einem aktuellen Video erzählt Abdaal von drei Ideen, das eigene Leben zu reflektieren.

Die Grabstein-Technik

Der erste Ansatz folgt dem Gedanken, die Gravur des eigenen Grabsteines zu bestimmen. Was wollen wir, das auf dereinst unserem eigenen Grabstein steht? Abdaal (ist aktuell Single) nennt Guter Vater, guter Ehemann und inspirierender Lehrer als Ziele seines Lebens.
Eine Variante dieser Technik ist, darüber nachzudenken, was Familie, Freunde oder Arbeitskollegen bei der fiktiven Beerdigung sagen würden.

Der Odyssee-Plan

Die zweite Idee entspringt dem Buch „Designing your Life“ von Bill Burnett (Link*). Hier steht zunächst die Frage im Zentrum: „Wie sieht mein Leben in 5 Jahren aus, wenn es genauso weiterläuft wie bisher?“ Das soll man möglichst detailliert aufschreiben.
„Wie sieht mein Leben in 5 Jahren aus, wenn ich das, was ich aktuell tue, komplett aufgebe? Was wäre eine Alternative?“ ist die anschließende Frage bevor man sich zuletzt einem fiktiven „Wie sähe mein Leben aus, wenn Verpflichtungen und Geld keine Rolle spielen würden?“ widmet.

Was ich mit meinem Leben anfangen soll. 1

Die ideale, stinknormale Woche

Der letzte Ansatz von Abdaal bringt mich zum Lachen. Man solle sein Leben einige Zeit vorspulen und dann eine langweilige, normale Woche skizzieren: Was tut man wann? Und Abdaal füllt seinen Terminkalender sehr akribisch mit Projekten, Ideen und freier Zeit. Eigentlich von morgens bis abends Programm.

Das ist der Moment, über den ich stolpere. Einige seiner Projekte ähneln meinen eigenen: Bücher schreiben, Musikinstrument spielen, studieren bzw. lernen. Die spärlichen schwarzen Balken sind „faulenzen“.

Was in seiner idealen Woche komplett fehlt: Familie und Kinder.

Interessanterweise ist das für mich der Punkt, an dem ich mich dann wieder von ihm löse. Cool, danke für die Ideen – aber ab hier gehe ich einen anderen Weg.

Mein Leben

Was ich mit meinem Leben anfangen soll. 2Abseits von Beruf und hobbyartig verfolgten Projekten gibt es für mich gerade zwei Ankerpunkte im Tagesrhythmus.

Ich stehe morgens um fünf Uhr mit meiner jüngsten Tochter auf. Flasche für das Baby, Kaffee, Obst und Joghurt für mich. Ich genieße diese Zeit sehr: Das Baby plappert leise vor sich hin, dreht sich nach links und rechts und wartet, was geschieht. Ich dagegen kann in aller Ruhe meine RSS-Feeds lesen. Bei uns liegt der Hund, der sich geduldig betrachten und und vom Baby an den Ohren ziehen lässt.

Auch abends haben wir aktuell eine Familienroutine. Das Baby bekommt Brei, dann mache ich Brote und mit allen Töchtern gemeinsam krümeln wir auf dem Sofa und schauen dabei eine Episode der Netflix-Animationsserie „Jurassic World“ an. Jede Folge endet mit einem Cliffhänger. Jeden Abend bettelt die mittlere Tochter, doch „wenigstens heute mal noch eiiiinmal eine zweite gucken zu dürfen“. Nie ist das der Fall.

Ich erinnere mich, dass wir als Familie früher jeden Freitagsabend die neueste Star Trek Episode (Oder Supermann?) geguckt haben. Kostbare Erinnerungen.

An dieser Stelle muss ich mich von all den Produktivitätsgurus bei YouTube (die afaik alle keine Kinder haben) verabschieden. Sport, Klavierspielen und neue Bücher müssen warten – da hat jemand eine volle Windel. Es geht schließlich nicht nur darum, schneller anzukommen – sondern die Reise zu genießen.