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Am Maximum der eigenen Kapazität

Vor sehr vielen Jahren, als ich – noch in einem anderen Leben – mit dem Schreiben eines Romanes rang, las ich einen bemerkenswerten Ratschlag, der mir seitdem nie ganz aus dem Bewusstsein verschwunden ist.  Der US-amerikanischer Schriftsteller und Lehrer für kreatives Schreiben James Frey forderte in „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt„, dass gut geschriebene Figuren stets am Maximum der eigenen Kapazität agieren würden.

Reale Menschen würden herumlungern, trödeln, übersähen Offensichtliches und kletterten in einer Gewitternacht auf den Speicher, wenn blutige Fußspuren die Treppe hinaufführen. Frey prangert das in seinem Buch an und setzt dem Leser vor Augen, fiktionale Charaktere stets am Rande ihrer eigenen Möglichkeiten handeln zu lassen.

Das ist mir auch deshalb im Gedächtnis geblieben, weil mir in Filmen, Serien und Büchern immer wieder auffällt, wenn Figuren sich töricht verhalten oder Handlungsverläufe schlecht geschrieben sind. In den Jurassic World Filmen verhält sich im Grunde jede Figur saudämlich, ebenso in Shyamalans Thriller „Old“. Jack Bauer in „24“ war dagegen geprägt von dem Gedanken, in jedem Augenblick am absoluten Maximum seines Charakters (und moralischer Integrität) zu agieren. Deswegen zog die Serie – und hatte gleichzeitig ihre Schwächen darin, wenn Figuren absurde Entscheidungen trafen.

In der Trilogie „The Expendables“ ballern sich Actionhelden der 80 Jahre blutig und stumpf durch Gegnerhorden. Im Gedächtnis bleibt Mel Gibson als Bösewicht des dritten Teils: Obergefährlich, obergrausam und nimmt einige der Filmhelden als Geiseln. Aber er bringt sie nicht um, sondern palavert, lässt sie aus fadenscheinigen Gründen am Leben und – natürlich – werden sie schließlich gerettet. Es passt nicht zum Charakter und ist – in einem an Niveau armen Film – ein echter Tiefpunkt.

Eine Fernsehserie, die mir diesbezüglich extrem positiv im Gedächtnis bleibt, ist „This Is Us“ (u.a. bei Amazon Prime). Darin geht es im Kern um eine Familie mit Drillingen, eines der Kinder ist adoptiert. Auf verschiedenen Zeitebenen (mal sind die Drillinge Kinder, mal Teenager, mal erwachsen) begleitet man die Familie durch diverse Konflikte und Entwicklungen. Auffällig ist, dass alle Figuren stets am Maximum ihrer Kapazität agieren und das Beste im Sinn haben, aber an sich oder den Motiven der anderen Figuren scheitern:
Kevin möchte seinem vom Vietnamkrieg gezeichneten Onkel helfen – aber der ist in seiner kleinen Höhle zufrieden und verspürt nicht die geringste Lust, sich von seinem Neffen, dem strahlenden Ritter,  retten zu lassen. Ein Konflikt entsteht. Oder: Wie dankbar muss Randall sein, adoptiert worden zu sein? Ist es undankbar seinen Adoptiveltern gegenüber, wenn er den Verlust seiner leiblichen Familie betrauert? (Die eindrücklichste Serie, die ich je gesehen habe; man merkt der Serie deutlich an, dass im Hintergrund sehr unterschiedliche, diverse Menschen mit den unterschiedlichsten Perspektiven arbeiten.)

Als Schulleitungsmitglied und Verantwortlicher für etwa 330 Schülerinnen und Schüler sitze ich immer wieder in Konfliktgesprächen die genau darauf basieren: Alle wollen im Grunde das Beste – aber die unterschiedlichen Perspektiven zerstören das gemeinsame Vorankommen. Und zwischendurch muss ich mich daran erinnern, das mein Gegenüber vielleicht (genau wie ich) am Maximum der eigenen Kapazität arbeitet:
Ja, für mich ist eine Klassenfahrt nichts Besonderes – aber es gibt Eltern, die können das nicht mittragen. Nicht, weil sie besonders blöd sind, sondern weil ihr Erfahrungsschatz und ihre Perspektive die Vorstellung nicht zulässt, dass eine Klassenfahrt völlig harmlos ist. Wer in seinem Heimatland erlebt hat, dass Kinder von der Straße geraubt werden, kann diese Angst auch hier nicht loslassen.

Auch Schulorganisation ist davon geprägt: In der Schulleitung habe ich das große Ganze im Blick. Wie kann ich einstellen, wie Lücken im Stundenplan stopfen, wie sicherstellen, dass der ganze Laden (gerade jetzt) nicht zusammenbricht. Dabei geht manchmal der Blick für die Details verloren. Als Lehrer habe ich nämlich meinen Stundenplan, meine Springstunden und meine Klasse im Fokus: Wieso hat meine Klasse denn bitte nachmittags eine Mathestunde? Suboptimal!

Mir hilft die Erinnerung an diese Forderung von Frey zuweilen, in Konflikten nachsichtiger zu sein – auch mit mir selbst: Vielleicht übersteigt die Lösung mancher Probleme einfach meine eigene Kapazität? Gibt es Konflikte, die ich schlichtweg nicht lösen kann?

An anderer Stelle treibt mich der Gedanke an: Dümple ich nur dahin? Wo agiere ich am Maximum meiner Kapazität? Wo bin ich wirklich entschlossen, produktiv, kreativ und wo schalte ich auch mal zwei Gänge zurück?

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