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Endlich Ferien!

Heute, am 23.12. hat auch NRW die Kinder in die Ferien geschickt.

Guter Unterricht in dieser Woche: Ich habe in der 10 eine Philosophie-Stunde vertreten und dort eine „Gerichtsverhandlung“ über einen furchtbaren Kriminalfall der jüngeren deutschen Geschichte abgehalten: Magnus Gäfgen entführte und ermordete 2002 ein Kind und gestand die Tat der Polizei unter Androhung von Gewalt.
Mit einem Lesetext ausgestattet ging es zunächst in eine Gruppenarbeit: Eine Schüler-Gruppe vertrat die Perspektive der Polizisten, eine weitere die des Täters, eine dritte der Familie des Opfers und die letzte Gruppe vertrat die Öffentlichkeit. Anschließend wurde 45 Minuten lang leidenschaftlich und wütend diskutiert.

Das ist Schule, wie ich sie von fachlicher Seite aus wirklich gerne mag. Wenn man nach einer Stunde erschöpft ist und grübelt und denkt und wirklich weitergekommen ist. Wirklich etwas gelernt hat.

Heute habe ich mich am letzten Tag noch in meine eigene Klasse gemogelt und dafür gesorgt, dass ich die letzte Stunde vor den Ferien mit ihnen zelebrieren konnte. Das war wichtig.

Endlich Ferien! 1Nach dem dritten Corona-Test diese Woche haben wir natürlich gesungen: „In der Weihnachtsbäckerei„. Alle Strophen. Aufgenommen auf Video, damit ich ihnen das auf der Abschlussfeier unter die Nase reiben kann.
Außerdem ein witziges Nasen-Patscher-Spiel gespielt. Normalerweise bringe ich eine Flasche Sprühsahne mit – aber das ist gerade eher nicht angesagt. 45 Minuten lang nur wertschätzend rumgeblödelt, gelacht und gespielt. In den letzten fünfzehn Minuten konnte erzählt werden, was einem vom letzten halben Jahr positiv in Erinnerung geblieben ist. Nach Tohuwabohu zu Beginn plötzlich eine ruhige, fast besinnliche Atmosphäre. Das ist Schule, wie ich sie von emotionaler Seite wirklich mag.

Jetzt geht es in die Ferien.
Meinem Empfinden nach sind die Kinder nicht erschöpfter, als sonst in dieser Jahreszeit. Man gewöhnt sich an alles.

Endlich Ferien! 2Ich bin innerlich zwiegespalten und Gefangener meines Horizonts. Ähnlich wie der Kollege Graf hat sich die Pandemie bei uns an der Schule trotz gemischter Kurse, trotz voller Schulbusse, trotz gemeinsamer Mittagspausen nicht explosionsartig ausgebreitet. Hier und da immer wieder einzelne Fälle, die aber zielsicher identifiziert wurden. Umgekehrt ist die feste Struktur eines Schulalltags für ganz viele meiner Schülerinnen und Schüler ein ganz, ganz wichtiger Baustein im Leben. Das schreibe ich, obwohl meine Schule eine perfekte 1:1 Ausstattung mit Tablets hat und obwohl der Distanzunterricht bei uns hochqualitativ und von einem Tag auf den nächsten durchgeführt werden könnte.

Nicht alle meine Schüler*innen freuen sich, dass jetzt zwei Wochen Pause ist. Schule als (positiv empfundener) Lebensraum ist für viele Kinder enorm wichtig.

Den Kollegien des Landes gönne ich die unterrichtsfreie Zeit dagegen sehr. Als Erwachsener gewöhnt man sich nicht so schnell um, die Anforderungen an den Beruf sind in den letzten Monaten nochmal spürbar gestiegen – einige Schulen haben diese Woche eine weiße Flagge gehisst, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Die Ferientage habe ich nötig. Zum ersten Mal seit vielen Jahren, nehme ich mir auch kein (schulisches) Projekt mit in die freien Tage1. Der Computer bleibt ein paar Tage komplett aus.

Euch Leser*innen möchte ich einmal mehr für eure Treue danken. Ein spannendes Jahr liegt hinter mir – insbesondere unser neues Schulkonzept hat viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Davon wird auch im nächsten Jahr zu berichten sein.

Ich wünsche ein paar ruhige Tage! Bleibt gesund!

1: Eine kleine Ausnahme: Auf meinem Bücherstapel liegt auf Empfehlung vom Kinderdok „Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde. Was traumatisierte Kinder uns über Leid, Liebe und Heilung lehren können“, geschrieben von dem Kinderpsychiater Bruce Perry (Amazon). Das zählt wohl zu Schulleitungs-Lektüre. Die Rezension beim Kinderdok ist ausführlich und lesenswert.

Ein Gedanke zu „Endlich Ferien!“

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