Seit einem halben Jahr ist ein Buch über Kinder auf meiner Leseliste, von dem ein (von mir sehr geschätzter) Kinderarzt sagt, es habe ihn nachhaltig beeindruckt, gar „sein Leben verändert„. Es geht um „Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde“ von Bruce Perry (Amazon*-Link).

Vorbemerkung

Zwei Dinge vorweg:

Neues Jahr, schweres Buch. 1Erstens: Das Buch hat auch mich sehr beeindruckt, stellenweise verstört. Ich habe schon sehr, sehr lange nicht mehr so intensiv gegrübelt, gekritzelt, gezeichnet und mitgeschrieben, wie bei diesem Buch, das ich durch meine Schul-Perspektive gelesen habe.

Zweitens: Wann immer ich in den vergangenen zwei Wochen mit anderen über das Buch ins Gespräch gekommen bin, stieß ich auf deutliche Abwehrreaktionen. „Cool, aber ich könnte sowas nicht lesen.“
Und in Gedanken: „Und ich möchte auch keine Details hören!!“
Das lässt mich an dieser Stelle eine deutliche Triggerwarnung aussprechen: In diesem Artikel streife ich die Themengebiete Verwahrlosung, Missbrauch, Tod, Entwicklungsverzögerung und Traumata – alles bezogen auf Kinder, ohne jedoch zu sehr ins Detail zu gehen.

Manche Blogartikel dürfen auch getrost übersprungen werden.

„Warum sollte ich so ein Buch lesen?“

Jede Lehrkraft begegnet im Laufe ihres Berufslebens vernachlässigten Kindern, an einigen Schulen mehr, an anderen weniger. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) verzeichnet für das Jahr 2016 in Deutschland über 12.000 Ermittlungs- und Strafverfahren allein nur für sexuellen Kindesmissbrauch, der oft genug im engsten privaten Umfeld stattfindet (Quelle). Spätestens seit der Flüchtlingswelle 2015 sind für viele Kolleg*innen auch Kinder mit traumatischen Kriegserfahrungen dazugekommen.

Den meisten Kindern hierzulande geht es gut, richtig gut sogar. Sie lachen und weinen und streiten und entwickeln sich, wie man es von Kindern erwartet. Aber es gibt auch viele Kinder, denen es nicht gut geht. Man erkennt sie manchmal daran, dass sie sich an Armen und Beinen ritzen. An hohen Fehlzeiten. An antisozialem Verhalten.

Der deutsche Kinderverein hat in Zusammenarbeit mit der Charité ein Merkplakat für Kindesmissbrauch erstellt, das den Unterschied zwischen typischen und unnatürlichen Verletzungen zeigt und mich schaudern lässt:

Neues Jahr, schweres Buch. 2

An Schulen werden wir damit konfrontiert.
Davor kann man die Augen verschließen und sagen „Bei uns gibt es sowas nicht.“ Aber die Leidtragenden werden die Kinder sein, denen nicht geholfen wird. Wann immer jemand in Social Media erzählt, wie schrecklich er Schule empfand, erhält vielzähligen Beifall von anderen, denen es ähnlich ging (hier aktuelles Beispiel).

Als Abteilungsleiter einer Gesamtschule besteht mein Aufgabenbereich unter anderem in der Kommunikation mit den Grundschulen: Wie lautet die Vorgeschichte zu jedem einzelnen Kind, das zu uns kommt? Worauf müssen wir achten, was gilt es zu wissen? Außerdem beschäftige ich mich auch oft mit jenen Kindern, die aus dem Raster fallen, Anpassungsschwierigkeiten haben oder das Unterrichtsgeschehen massiv stören.

Meine Motivation, das Buch „Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde“ zu lesen, war also sehr hoch.

„Worum geht es denn genau?“

Der Autor ist Bruce Perry, dessen Schreibstil ich als „von sich selbst überzeugt“ empfand. Er weiß genau, wovon er spricht und schiebt hin und wieder gekünstelte, demütig wirkende Anekdoten ein, die seine Bescheidenheit demonstrieren wollen. Aber letztlich empfinde ich ihn durch die Lektüre als genau jene Art Professor, die wirklich gut sind und das leider auch wissen.

Neues Jahr, schweres Buch. 3Perry berichtet in jedem Kapitel des Buches von einem anderen Kind und seinem Trauma. Die Geschichten haben es durchaus in sich: Seine erste Patientin Tina wurde über Jahre von einem Nachbarsjungen missbraucht. Das zweite Mädchen, Sandy, überlebte einen Mordversuch und musste den Mord an der eigenen Mutter miterleben. Später geht es um Kinderopfer von Satanisten und Religionseiferern und die die Hinterbliebenen der Waco-Katastrophe. Der titelgebende Junge Connor wurde über Jahre hinweg mit anderen Hunden in einem Käfig großgezogen, weitere Kinder wurden emotional vernachlässigt. Waisen, die die ersten Lebensjahre einsam in einem Gitterbett verbracht haben, ohne jeden Kontakt zu erwachsenen Menschen.

Die Geschichten sind schrecklich, werden aber zu keinem Zeitpunkt benutzt, um das Buch spektakulärer wirken zu lassen. Denn Perry verknüpft jedes Kind und jeden Fall mit der Entwicklung des kindlichen Gehirns und der kindlichen Psyche. Detailliert beschreibt er, welche furchtbaren Auswirkungen es auf das Gehirn hat, wenn man wohlgenährt und stets gewickelt, aber jahrelang ohne jeden physischen Kontakt zu Erwachsenen aufwächst: Ohne emotionale Fürsorge, ohne Gespräche, ohne toben, kuscheln, erziehen. Und er beschreibt detailliert, wie er in den Fällen Therapieansätze gefunden hat.

Es sind diese Hintergrundinformationen, die das Buch für mich so wichtig machen.

„Was nimmst du denn mit?“

Alles hier niederzuschreiben, was ich mitnehme, würde den Rahmen dieses Artikels endgültig sprengen. Aber einen Aspekt möchte ich herausheben. Drei Zitate, quer aus dem Buch zusammengesucht, aber für den schulischen Alltag für mich unmittelbar relevant:

„Eine Person mit überaktivem Stresssystem achtet vor allem auf die Gesichter der Menschen wie die von Lehrern und Mitschülern, weil in ihnen Bedrohung lauern könnte, aber nicht auf den Schulunterricht. Eine erhöhte Wachsamkeit für potentielle Bedrohung könnte […] auch eine verstärke Kampfbereitschaft auslösen, […] was wahrscheinlich bewirkt, dass […] auf leiseste Anzeichen von Aggression übermäßig stark reagiert.“

„Ein Kind, das traumatisiert oder misshandelt worden ist, hat gelernt, dass nonverbale Information wichtiger ist, als verbale – zum Beispiel: „Wenn Papa nach Bier riecht und komisch geht, weiß ich, dass er Mami wehtun wird.“

„Demzufolge ist eine überlegte Reflexion des eigenen Verhaltens – einschließlich gewalttätigen Verhaltens – für ein Kind im Alarmzustand unmöglich. Von den internen Regulationsfähigkeiten des Kortex abgetrennt handelt der Hirnstamm reflexartig, impulsiv und häufig aggressiv auf das, was er als Bedrohung wahrnimmt. Es ist wichtig, ihre Stress-Reaktionssysteme zu beruhigen, damit sie sich sicher genug fühlen, um auf ihre höheren Gehirnfunktionen zugreifen zu können.“

Neues Jahr, schweres Buch. 4[Hervorhebungen von mir]
Das ist gleichermaßen brutal wie einleuchtend. Natürlich! Ein Kind, das ständig nach nonverbalen Informationen sucht, kann schlechter aufpassen. Und ich Armleuchter stehe vorne und frage mich, warum der Anton nicht zuhört. Und natürlich, manchmal ist die Bertha so wütend und kaum zu bändigen, dass sie gerade nicht in der Lage scheint, vernünftig zu denken. Sie kann (!) es nicht.

Ein Großteil des Buches fokussiert sich auf die kindliche Hirnentwicklung und auch auf mögliche Therapien. Für mich waren da einige Augenöffner dabei.

Dabei geht es für mich nicht (nur) um das, was wir als Schule tun können, sondern in erster Linie um Verständnis und Fachwissen.

Wenn ich weiß, wie das Gehirn funktioniert und welche Auswirkungen Traumata auf höhere Denkfunktionen haben können, kann ich selbst angemessener vorgehen. Wenn ich weiß, welchen Einfluss das Stress-Reaktionssystem eines Kinders auf dessen Verhalten hat, weiß ich, dass die Schaffung einer sicheren, vertrauensvollen Umgebung und Beziehung entscheidend für die weitere Entwicklung ist.

Im vorletzten Kapitel widmet Perry einige Seiten der Bedeutung einer Schulklasse für die Therapie eines Kindes. Auf beeindruckende Art und Weise demonstriert er, wie wichtig heilsame Beziehungen für die menschliche Entwicklung ist. Auch das erinnert mich daran, wie wichtig unsere Beratungs- und Klassenlehrerstunden an der Schule sind.

Nachbemerkung? Nachbemerkung!

Zwei Aspekte möchte ich nicht ungenannt lassen:

Ich bin mir des Dunning-Kruger-Effekts gewahr (auch wenn das nur wenig hilft, ihn zu vermeiden): Menschen halten sich für kompetenter, als sie sind. Kaum habe ich dieses Buch gelesen, halte ich mich schon für einen halben Kinderpsychiater. Puh. Nein. Bei aller Begeisterung gilt: Ich habe etwas Verständnis gewonnen, bin aber weiterhin (nur) Lehrer.

Außerdem: Die Aufgaben der Schule sind vielfaltig und werden nicht weniger. Ich verspüre kein Bedürfnis danach, zu einer Kinderheilanstalt zu werden. Aber mit etwas mehr Sachverstand wähle ich zukünftig vielleicht direkt die richtigen Beratungsstellen und kann ruhiger, besser und zielgerichteter helfen, wo es mir möglich ist. Außerdem ist es mir hoffentlich möglich, zukünftig ratsuchenden Kolleg*innen mit mehr Sachverstand weiterzuhelfen.

„Belastete Kinder leiden immer in irgendeiner Form an Schmerz – und Schmerz macht Menschen gereizt, ängstlich und aggressiv. Nur geduldige, liebevolle, beständige Fürsorge heilt.“ (S. 295)

Selten hat mich ein Buch so nachhaltig beeindruckt, so verändert, wie dieses. Ich habe es von Anfang an als „Lehrerfortbildung“ betrachtet und denke, dies war die mit Abstand beste Fortbildung, an der ich je teilgenommen habe.

„Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde“ erschien 2008 im Kösel Verlag – hier bei Amazon* erhältlich.