Die Omikron-Variante verbreitet sich rasend schnell und führt zu Quarantänefällen und Distanzunterricht. Während wir versuchen, die Schule am Laufen zu halten, mache ich mir immer wieder Sorgen um meine Kinder.

Das Gesundheitsamt des Kreises Siegen hat gestern verfügt, dass „ab dem vierten infizierten Schüler innerhalb einer Klasse alle Mitschüler*innen als Kontaktpersonen gelten und für fünf Tage in Quarantäne müssen.“ [Quelle] Nachdem wir in den letzten Wochen und Monaten eine Oase der Friedfertigkeit gewesen sind (sozusagen das Australien des Siegerlandes), schlägt Omikron nun mit voller Wucht zu.

Meine eigene Klasse habe ich gestern in Quarantäne geschickt, heute folgten viele weitere. In der Umsetzung führt das zunächst zu zahlreichen Schwierigkeiten: Die Kinder kommen. Ab dem 4. positiven Fall müssen alle direkt wieder nach Hause. Die positiv-getesteten müssen abgeholt werden, die anderen..  ja… wie kommen die denn heim? Schulbusse fahren ja nicht zwischendurch mal.

Auf Seiten der Eltern entstehen die Betreuungsprobleme. Und was ist mit dreifach geimpften Kindern? Die müssen nicht in Quarantäne und könnten weiter beschult werden. So entstehen verschiedene Baustellen:

  • Geboosterte Kinder in Präsenz
  • Kinder mit Notbetreuungsbedarf
  • Gesunde Kontaktpersonen-Mitschüler zu Hause
  • Kranke Kinder

Hybridunterricht ist, diese Erkenntnis hat sich mittlerweile weitläufig durchgesetzt, die schlechteste aller Varianten: Gleichzeitig Kinder online und in Präsenz zu beschulen ist einfach Mist. Man wird niemandem wirklich gerecht.

Ich war gespannt, wie sich meine Klasse so schlagen würde. Einerseits arbeiten sie seit bald drei Jahren mit Tabletcomputern, die Distanzunterrichtsphase im letzten Jahr lief sogar außerordentlich gut – aber die Kinder sind auch müde, erschöpft, ängstlich. Diese Zeit schlaucht und auch, wenn die meisten cool tun und flotte Sprüche raushauen – der zweite Strich auf dem Corona-Test sorgt immer für Tränen und Ängste.

Aber: Seit heute früh werde ich stündlich mit Screenshots und Arbeitsprotokollen geflutet. „Ich habe Englisch gemacht.“ „Ich habe Mathe, Station 3-5 gemacht.“ Ohne Ende.

Ehrlicherweise habe ich mir an dieser Stelle viel zu große Sorgen gemacht: Die Abläufe sind klar, die Erwartungen auch. Niemand taucht unter. Die Arbeit in den Lernbüros und Projektstunden hat unsere Schüler intensiv in Sachen Eigenverantwortung geschult.

Bei all der wahnsinnigen Arbeit, die wir als Kollegium im Hintergrund stemmen um den Schulbetrieb irgendwie am Laufen zu halten, denke ich zwischendurch aber auch: Diese Kinder funktionieren. Sie haben sich den schlechten Umständen angepasst. Sie lüften. Sie arbeiten. Sie suchen sich ihre Lücken.

Ich wünsche mir, dass die Bildungspolitik darauf reagiert. Das man nicht vergisst, dass diese Kinder seit zwei Jahren mit Nachrichten konfrontiert werden, die sie nicht verstehen können. Denen eine enorme Verantwortung aufgehalst wird. Von denen verlangt wird – von Eltern, von Lehrern, von der Gesellschaft – dass sie weiterhin funktionieren.

Wir versuchen als Schule dem entgegenzuwirken. Unsere Sozialarbeiter machen eine Wahnsinnsarbeit. In den Klassenlehrerstunden wird gesprochen, gespielt, getobt.

Aber mit jedem weitern PING, mit jeder weiteren Nachricht eines meiner fleißigen Kinder, das sich online durch unsere Lernbüros durcharbeitet, weiß ich mehr, dass wir im Sommer alle gemeinsam feiern werden. Groß und laut und viele Tage lang. Ausflüge und Wanderungen. Süßigkeiten ohne Ende.

Und ich hoffe sehr, dass unsere Schullandschaft hinterher nicht einfach weitermacht. Sondern erkennt, welche Rucksäcke da noch viele Jahre mitgeschleppt werden.