Vergangenen Freitag habe ich unsere Klassenlehrerstunde in der Turnhalle verbracht. Gleichzeitig tobte auf Social Media mal wieder ein Sturm der Entrüstung über schulischen Sportunterricht (klick) – ausgelöst von jemandem, den ich ansonsten sehr schätze.

Völkerball? Nichts hat mich so gedemütigt! 1Schnell landet man bei „systematischem Mobbing“ und – natürlich – dem Verweis auf Völkerball.

Immerhin bin ich inzwischen alt genug, um mich aus solch fachkundigen Diskussionen herauszuhalten – aber das Mittel um möglichst viel Zustimmung zu erhalten ist recht einfach:

Man empöre sich über ein Schulfach und erkläre, dass dieses die Liebe zum Thema in allen Kindern systematisch abgetötet habe. Zustimmung, Jubel und Empörung sind gewiss.

  • Der Sportunterricht im Allgemeinen, die Bundesjugendspiele im Besonderen und das Völkerballspielen haben nichts als weinende Kinderseelen hinterlassen.
  • Wenn im Mathematikunterricht Kopfrechnen angesagt ist, dient das nur dazu, Kinder zu demütigen.
  • Vokabeltests sind am Ende nichts anderes als Mittel der Niedertracht.
  • Wie soll die dröge Berechnung eines Magnetfeldes je die Liebe zur Physik wecken?
  • Gedichtanalyse? Würden wir nicht alle mehr und gehaltvoller lesen, wenn uns der Deutschunterricht nicht verdorben hätte?

Ich empfinde all diese Gedanken als gleichermaßen allgemeingültig wie kurzsichtig.

Zunächst: Ja. öffentlich vergleichender, im Zweifel lächerlich machender Unterricht ist kritisch zu betrachten.
Dabei spielt es aber keine Rolle, ob man nun im Sportunterricht Fußball spielt (worin ich sehr gut war) oder im Englischunterricht seine Hausaufgaben vorlesen muss (worin ich sehr schlecht war).

Das zugrundeliegende Problem ist aber weder die Fähigkeit, Fußball zu spielen oder eine Sprache zu sprechen – sondern die vorherrschende, im Zweifel mangelhafte, Unterrichtskultur.

Vergangenen Freitag spielte ich mit meiner Klasse das Spiel „Mädchenland-Jungenland“.

Völkerball

Im Kern geht es bei diesem Spiel darum, dass zwei Mannschaften einander fünf Kegel klauen müssen. Werden sie in der gegnerischen Hälfte gefangen, müssen sie erstarren und einen erbeuteten Kegel vor sich abstellen. Erst wenn sie abgeschlagen werden, geht es weiter. Ein lautes, wildes Spiel, bei dem man etwas taktisch denken und viel kooperieren muss.

Eine halbe Stunde habe ich meiner Klasse zugeschaut, die ich seit zweieinhalb Jahren mit zahlreichen Gruppenspielen (Link zum Buch) trieze. Eine Dreiviertelstunde lang würde geflucht, geschrien, gelacht, geschimpft.

Gemeinsam.

Nicht ein einziges (!) Mal musste ich eingreifen, Leute zur Raison bringen oder den Schiedsrichter markieren. Es wurde praktisch keine Zeit darauf verschwendet, sich zu beschweren oder über unfaire Taktiken zu schimpfen. Statt dessen weiter, immer weiter.

Ich glaube, dass jeder Unterricht ganz maßgeblich von seiner Kultur geprägt wird. Darf man Fehler machen? Darf man sich gegenseitig unterstützen? Haben wir als Klasse ein gemeinsames Ziel?

Das sind die entscheidenden Dinge. Und dann kann ich auch Völkerball spielen. Oder Kinder an der Tafel falsch rechnen lassen. Oder schiefe Aufsätze präsentieren.

Das ist Schule, an die ich mich erinnere. Und es ist Schule, wie ich sie zu gestalten versuche.