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Ohne Ausgrenzung Klettern gehen & ein Nachwort

„Herr Klinge, ich find es ehrlich gesagt blöd. Einige flitzen dann die Wände hoch und runter und andere können das nicht so gut und dann…“ „..fühlt man sich schlecht?“, beende ich Tomas Satz. Der nickt.

Vergangene Woche schrieb ich darüber, dass eine positive Unterrichtskultur den schrecklichen Kindheitserinnerungen an den Sportunterricht entgegenwirken würde. Wertvolle Kommentare im Blog und eine Twitterdiskussion haben darauf hingewiesen, dass in einem solchen Artikel stets die Gefahr läge, die tatsächlichen Erlebnisse und Sorgen der Betroffenen wegzuwischen.

Ich bin also sensibilisiert in die Woche gegangen, in der meine (großartige!) neue Co und ich einen Kletterausflug mit unserer Klasse geplant haben. Viele Kinder sind begeistert. Gemurmel. Getuschel. Gekicher. In diese Unruhe meldet sich Tomas mit einem Einwand. „Herr Klinge, ich find es ehrlich gesagt blöd. Einige flitzen dann die Wände hoch und runter und andere können das nicht so gut und dann…“

Drei Kinder nicken erleichtert. Sie alle verspüren vielleicht wenig Lust auf Klettern, vielleicht haben sie auch einfach Sorge vor Bloßstellung.

Tomas Einwand ist aus dreierlei Gründen bemerkenswert.

Zum einen herrscht in der Klasse eine Unterrichtsatmosphäre, in der Kinder die Gelegenheit haben, Kritik zu äußern. Das wird sicher niemals von allen wahrgenommen werden – aber zumindest der Raum ist da.

Außerdem hat Tomas ein Gespür für belastende Situationen. Er denkt voraus und mit. Das gefällt mir.

Und drittens: Tomas ist ein sportlicher, selbstironischer Typ. Er wird keine Probleme haben, an den Wänden hochzuflitzen und – so wie ich ihn kenne – dabei auch noch allerlei Faxen machen und sich absichtlich trottelig anstellen. Seine Sorge gilt also weniger ihm selbst, als vielmehr den Mitschüler*innen.

Die Kommentare unter meinem letzten Artikel fordern mich auf, dies als besondere Herausforderung zu sehen: Wie kann ich es schaffen, mit meiner ganzen Klasse klettern zu gehen und im Idealfall gefällt es allen und im schlechtesten Fall finden es die Drei einfach langweilig?

Als ich meiner Co davon erzähle, freut die sich über Tomas Bemerkung. „Sehr cool! Das ist genau der richtige Anlass, um darüber zu sprechen, wie man das gemeinsam schafft! Ich mache das direkt nächste Woche.“

Ich freue mich drauf.

Nachbemerkung

Ein ermüdender Vorwurf, der vielen Menschen, die im Internet publizieren, gemacht wird, ist der der Selbstdarstellerei. Egal ob in der Lehrerbubble von Instagram, Twitter oder hier im Blog: großartig gestaltete Arbeitsblätter, pfiffige Unterrichtsideen oder Unterrichtsanekdoten scheinen bei manchen den Druck zu erzeugen, ebenfalls ständig abzuliefern oder „perfekten Unterricht zu verkaufen“.

Das empfinde ich als bedauerlich.

Dieses Blog (und auch das unzählige Material auf den Downloadseiten) soll Lust machen auf Schule, auf Unterricht. Um nichts anderes geht es. Und wer von Inspiration nicht genug bekommen kann, dem empfehle ich das „WOW der Woche„. Unter diesem Hashtag erzählen viele Lehrer*innen auf Twitter von der schönsten Stunde der Woche und es ist schlichtweg ein bunter Blumenstrauß an Geschichten, Ideen und Liebe.

Kein einziger der Kolleg*innen dort macht nur geile Stunden – aber ehrlicherweise interessieren mich die routinierten, langweiligen Unterrichtsstunden der Leute nicht. Davon gestalte ich selbst jede Woche genug.

 

Ein Gedanke zu „Ohne Ausgrenzung Klettern gehen & ein Nachwort“

  1. Die routinierten langweiligen Unterrichtsstunden sind sicher nicht besonders interessant. Aber hin und wieder liest man doch ganz gern mal etwas über eine Unterrichtsstunde, die schief ging. Das passiert einem schließlich auch selbst ab und zu, und da ist es dann beruhigend, wenn man nachlesen kann, dass das anderen auch so geht.

    (aber das gab es ja hier im Blog durchaus auch schon mal – ich habe nicht den Eindruck, dass hier immer nur von den supertollen Stunden berichtet wird)

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