„Was war denn Ihr Highlight der Woche, Herr Klinge?“

Es ist das Ende der Woche, die letzte Stunde vor dem Wochenende. Wir verbringen die Zeit mal mit organisatorischen Dingen, mal mit Gruppenspielen. Fast immer ist diese Stunde wirklich schön und es wird geblödelt und gelacht.

Heute kümmere ich mich verstärkt um Organisatorisches: Ich kontrolliere die Lernplaner der Kinder: Wie sind die Rückmeldungen aus den Lernbüros gewesen (+, o oder -). Wie weit ist ihr Lernfortschritt in den einzelnen Fächern gediegen („Warum ist in NW noch kein Lernbaustein bearbeitet worden?“) und ich kontrolliere, ob die Eltern die Wochenseite unterschrieben haben.

Als Tomas seinen Planer aufschlägt, steht anstelle der Elternuntschrift ein wildes Gekrikel. Darunter ein Pfeil mit Kinderhandschrift: „Kein Fake“. Tomas sieht mich mit unschuldigem Blick und Hundeaugen an: „Herr Klinge, da steht, kein Fake, also kann das ja nur echt sein.“ Er grinst schelmisch.

Ich habe es schon an anderen Stellen geschrieben: Ich bin ein Beziehungslehrer.
Ich bin immer dann gut, wenn ich zu den Schüler*innen eine Bindung aufbauen, ihre Gefühle spiegeln und mit ihnen lachen, trauern, schimpfen kann. Wenn sich Kinder und Jugendliche in meinem Klassenraum meist wohlfühlen. Das gelingt nicht immer und auch nicht mit allen Kursen – aber oft genug.

Nach zweieinhalb Jahren werfen meine Klasse und ich uns die Bälle zu. Wir frotzeln, erkennen Grenzen, die Kinder kommen mit sehr persönlichen Anliegen zu mir und ich wertschätze das mit Geduld und Liebe.

„Tomas!“ Ich schüttle enttäuscht den Kopf. „Ich mache jetzt folgendes….“
Ich unterschreibe seinen Lernplaner mit der falschen Hand – meine Unterschrift sieht aus, als hätte ein Erstklässler seinen Namen geübt. „Ich rufe heute Nachmittag deine Eltern an und erkläre ihnen, ich hätte das Gefühl, dass du“, ich zeige drohend auf den Bengel, „meine Unterschrift fälschen würdest. Sie werden durch deinen Planer blättern und diese Katastrophe sehen – und dann gibt’s Ärger! Ich kenne deine Mama!“

Auch sein Nachbar, Zacharias, hat den kindlichen Pfeil im Planer stehen. Er hat sogar „Fake“ falschgeschrieben: Facke.
Als ich bei ihm meine eigene Unterschrift fälsche, schreibe ich in der Konsequenz auch meinen Namen falsch: „Krinke“.

Es sind diese Momente, weswegen ich am allerliebsten Lehrer bin: Junge Menschen, die in der Sicherheit einer gewachsenen Gemeinschaft herumblödeln, Grenzen austesten und ganz sie selbst sein dürfen, begleiten zu können. Ihnen Anleitung, Vorbild und Mentor zu sein auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben.

In den letzten Minuten der Stunde erzählen alle Kinder, was das Schönste der Woche gewesen ist. Und als ich, ganz am Schluss, diese Anekdote von Tomas und Zacharias theatralisch erzähle und die Elternanrufe androhe geht das Klingeln zum Wochenende im Lachen der Kinder unter.