Einmal im Jahr rasiere ich mir den Bart ab und lasse nur einen Schnurbart übrig. Meine Familie verachtet mich für diese Tradition: Die Kinder fangen an zu weinen und meine Frau lässt mich auf der Couch schlafen – aber ich kann nicht anders.

Nicht den Moment ruinieren. 1Als wirklich interessant empfinde ich, wie mein außerfamiliäres Umfeld darauf reagiert.

Alles in mir drängt danach, den Schnauzer zu erklären. „Ja, haha, ist nur ein Witz.“ oder „Ich weiß, wie blöd der aussieht – ich habe ein Wette verloren.“
Die Reaktion auf solche Entschuldigungen sind aber vorhersehbar: Erleichtertes Grinsen, abwehrende Hände, kichern. Ich weiß wie Menschen darauf reagieren, wenn ich der Sache ihre Ernsthaftigkeit nehme.

Spannender ist die Reaktion, wenn man die Situation nicht auflöst. Wenn man den Moment nicht ruiniert.

Was geschieht dann?

Von klein auf bin ich zutiefst darauf geprägt, Menschen nicht nach ihrem Äußeren zu beurteilen.  Mein Vater fuhr jahrelang einen zerbeulten, alten Lada und hielt seine Vorträge in Jeans und T-Shirt. „Du erkennst einen Menschen erst, wenn du siehst, wie er das Reinigungspersonal behandelt. Die Sekretärin. Leute, von denen man nicht abhängig ist.“

Das hat sich mir eingebrannt und selbst beim hundertsten, nervigen sky-Werbeanruf weiß ich, dass die Person am Ende des Telefons am wenigsten dafür kann, dass meine Daten nicht gelöscht werden. Also bleibe ich einerseits stets höflich, werde andererseits aber schnell garstig, wenn mir solcherart herablassendes Benehmen begegnet. Nach oben buckeln, nach unten treten. Das kann ich nicht leiden.

Also lasse ich den Schnauzer unkommentiert. Un-entschuldigt. Und sauge die Reaktionen darauf auf. Im Gespräch mit den Nachbarn. Wenn ich in der Stadt Schüler*innen, Schüler-Eltern oder Bekannten begegne.

Der Autor David Sedaris erzählte einmal, wie ein Mann seine Gattin vor ihm als Taschendieb warnte. Sedaris hätte die Situation aufklären können, sich als (berühmter) Autor zu erkennen geben – aber die Reaktion wäre vorhersehbar gewesen: „Oh, das tut mir leid. Wie peinlich. Entschuldigen Sie bitte.“ Statt dessen, so erzählt, Sedaris, habe er einfach abgewartet, was passiert und den Moment nicht ruiniert.

Und in diesen Momenten habe er viel gelernt. Über sich selbst – und das Gegenüber.