Ich war mittlerweile so oft auf Klassenfahrt, dass ich den Überblick verloren habe. Die Ausflüge haben mir in der Vergangenheit stets Freude bereitet. In diesem Jahr – so ehrlich will ich sein – fiel die Vorfreude sichtlich gedämpfter aus. Aufregung ist der Routine gewichen. Naive Unbekümmnertheit der Erfahrung. Das Wissen um Risiken und Rechtsvorschriften hat pure Freude am Tun ersetzt.
Vielleicht, weil ich in den Herbstferien zum zweiten Mal mit Corona flach lag (die zweite Infektion war deutlich heftiger, als die erste) ud null Erholung genießen konnte. Vielleicht, weil die Weltlage mir Sorge bereitet. Irgendwie ist diesmal der Wurm drin.

Aber dafür können die Kinder nichts.

In der Stadt bin ich gestern Zeuge gewesen, wie ein Mutter ihren siebenjährigen Sohn wütend anschnauzte, ihn am Arm gepackt ins Auto verfrachtete und sich auch anschließend noch lautstark über dessen unsägliches Verhalten im Supermarkt aufregte. Der Junge, ein stummes, blasses Hemdchen von einem Mensch, saß in seinem Kindersitz und rieb sich mit dem Handrücken die Tränen von den Wangen. Ich hätte ihn am liebsten mitgenommen.

Und zu Hause bekomme ich Nachrichten meiner Klasse. Alle ganz aufgeregt, voller Vorfreude auf die Klassenfahrt. Die Zimmerverteilung haben sie selbst organisiert. Eigenständig beschlossen, dass Handys auf der Fahrt nichts zu suchen haben. Erwartungen und Hoffnungen formuliert und sich vor allem Spaß, Spaß, Spaß gewünscht.

Dieser Kontrast hat mich gestern sehr beschäftigt.

Klassenfahrt 2022 #1 2Mit dem Zug ging es von Siegen aus ein paar Dörfer weiter zu einer CVJM Bildungsstätte. Am gleichen Ort habe ich zum ersten Mal vor zehn Jahren mit meiner damaligen 5. Klasse die KKennenlernfahrt gemacht. Kinder, die inzwischen das Abitur haben und im Leben stehen. Verrückt, durch ein Gebäude zu gehen, dass gleichsam fremd und vertraut ist.
Vom Bahnhof sind wir anderthalb Stunden bei bestem Wetter durch den Wald gewandert. Alter Lehrertrick: Das macht die Beine müde und die Nächte ruhiger.

Nachmittags pädagogische Spiele (es gibt da ein tolles Buch dazu, zwinky-zwonky) und abends eine Nachtwanderung mit Gruselgeschichte. Letztere ist immer ein wenig heikel – ich möchte nicht, dass die Kinder weinend nach Hause fahren wollen. Aber irgendwie gehört so eine Geschichte dann doch dazu. Immer wieder überraschend: Inmitten rauschender Bäume und tiefdunkler Nacht (also.. 20 Uhr) haben einige Kinder echt Bammel. Während die sich auf dem Handy jeden Scheiß ansehen, sind sie in der Realität doch noch kleine Mäuse. Erzählt habe ich die uralte Klassenfahrtsklamotte vom „Silberbein“. Und natürlich haben sich alle erschrocken. Aber das gehört sich so.

Ich stelle fest, dass der Lärm mir an die Nieren geht. Mittagessen mit 100 quasselnden Kindern ist mega laut. Auf den Gängen wird getobt und geschrien. Alle sind voller Lebenslust und Aufregung. Als katholischer Emerit, der ich zu sein mir manchmal einbilde, empfinde ich das als sehr anstrengend. Dazu die Abendschicht – bis anno dazumal im Gang sitzen und ständig Kinder zurück in die Kinder scheuchen. Puh. Man wird nicht jünger. Und auch nicht kleiner: die Betten sind kurz und unten geschlossen. Vielleicht mit der Hauptgrund, warum Klassenfahrten anstrengend sind: Mangelnder Schlaf sorgt nicht für gute Laune.

Aber die Kinder haben Spaß. Zumindest die, die die Gruselgeschichte gut verdaut haben.