Medien-Kritik bei Schülern

Der Knackpunkt vieler Umfrage-Ergebnisse ist die Art des Fragestellens: Durch die Formulierung der Frage kann ich den bzw. die Befragte/n schon in die ein oder andere Richtung lenken.

Wenn ich beispielsweise Schülerinnen und Schüler mit dem Thema “Kritik an Medien” konfrontiere, dann wird im Kopf der Schalter “Der Lehrer erwartet von dir jetzt kritisches Denken” umgelegt und alle werden mir eifrig zustimmen, dass sie dem Internet, dem Fernsehen und überhaupt niemandem etwas glauben und sehr kritisch sind.

Spannend wird es, wenn man die Schülerinnen und Schüler im Dunkeln tappen lässt.

Vor einigen Tagen machte sich der Nachrichtensender N24 mit einem Bericht über den Tod Osama bin Ladens ziemlich lächerlich. Nachdem der Moderator Mick Locher sehr ausführlich über die Ausbildung, Ausrüstung und Fähigkeiten der Navy SEALs sprach ("Also die waren bis an die Zähne bewaffnet."), blendete die Regie folgendes Emblem ein:

Unnachahmlich spitz formuliert Bilbblog.de die Panne.

“Unbeirrt fährt Locher fort:

Und sie haben auch dieses Team Six, das diesen Einsatz durchführte. Da hat man auch nicht umsonst den Totenkopf -schädel im Emblem.

Und schon geht es weiter mit einer animierten Simulation des Einsatzes.
Aber sehen wir uns doch dieses Emblem ein wenig genauer an: Ein Adler mit einem
Phaser, ein Dreizack, ein von drei Bat’leths umrahmter Klingonenschädel, der Schriftzug "MAQUIS SPECIAL OPERATIONS"

Man könnte meinen, die Navy SEALs wären echte Star-Trek-Fans.”

Ziemlich peinlich für N24, die den Beitrag aus ihrem Mediacenter entfernt haben. Mit dem besagten Screenshot bin ich in eine 8. Klasse gegangen und erzählte den Schülern völlig unbedarft, dass ich das Bild von dem Beitrag gemacht habte. Die Schülerinnen und Schüler konnten das Bild kurz betrachten.

Ist jemandem was aufgefallen?”, fragte ich? Ein Schüler wunderte sich über den Dreizack. Ich nickte und erwähnte den Phaser. Dann zeigte ich das Bild nochmal. “Ist euch dieses Mal noch etwas aufgefallen?”, fragte ich. Niemandem.

Nach und nach wies ich auf die Merkwürdigkeiten hin, die Schüler lachten und amüsierten sich. Dann kamen wir zum heiklen Teil der Stunde.

“Sagt mal, kann mir jemand das Bild erklären?” Und dann ging es los.

  • “Präsident Obama ist Star Trek Fan, deshalb haben die diese Symbole mit drin.”
  • “Die tarnen sich. Damit hinterher keiner weiß, dass das die Navy Seals sind.”
  • “Die dürfen das echte Symbol nicht zeigen, darum haben die so ein gefaktes.”

Am Ende war die Mehrheit dafür, dass Präsident Obama großer Star Trek Fan ist. Keiner (!), kein einziger Schüler (!) kam auf den Gedanken, dass der Fehler vielleicht bei N24 liegen könnte. Das die Redakteure sich dort vergooglet haben. Diese Unbedarftheit hat mich ja doch etwas erstaunt.

Und wie wäre das Ergebnis ausgefallen, hätte ich am Anfang gefragt: Glaubt ihr alles, was das Fernsehen zeigt?

Na klar…

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4 Responses to Medien-Kritik bei Schülern

  1. martinkurz says:

    Hi Jan,
    aber sei mal ehrlich: auf den Gedanken zu kommen, dass das Fernsehen sich irrt, komme ich auch nicht sofort. Das dauert eine Weile. Aber dein Experiment ist klasse, das werde ich bei Gelegenheit auch im Unterricht ausprobieren, also: wie ausgeprägt ist die Medienkompetenz bzw. die Fähigkeit zur Medienkritik bei den Schülern?
    LG Martin

    • Jan-Martin Klinge says:

      Du hast sicher recht – aber auf den Gedanken, dass Obama Star Trek Fan ist, kommt man auch nicht so schnell *g* Ich bin auch weniger empört als vielmehr erstaunt. 🙂

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