Alltagsrassismus

Alltagsrassismus

Es klingelt.
Ein Vertreter für Markisen steht vor mir und strahlt mich freundlich an. Ob das Haus mir gehöre (nein) und ob die Vermieter womöglich Interesse an einer Markise haben könnten (ebenfalls nein). Wir plaudern ein bisschen über das Verhältnis Mieter-Vermieter und auch darüber, wie besorgniserregend wir es finden, dass die Immobilienfirma Deutsche Annington an die Börse will, was letztlich vor allem Profitmaximierung auf Kosten der Mieter bedeuten könnte.

Der Gespräch wird depressiver. German Angst kommt mir in den Sinn. Aber es wird noch schlimmer.

Der Vertreter, ein Mittvierziger und so normal, wie ein Mensch auf den ersten Händedruck nur sein kann, befürchtet in den nächsten Monaten einen Ansturm am Bulgaren und Rumänen. Mit denen käme “dann auch die Kriminalität!”.
Man mag mir Tatenlosigkeit vorwerfen – aber ich bin so verblüfft, dass ich gar nicht reagieren kann. Mehr als ein lahmes Abwiegeln kommt mir nicht über die Lippen. Dieser Mann… dieser freundliche, nette Gesprächspartner offenbart seine Angst vor “den Ausländern”.

“Wissen Sie”, sagt er, “ich bin weiß Gott kein Rassist! Aber manchmal denke ich, so ein kleiner mit Schnauzbart würde diesem Land nochmal gut tun!” (sic!).

Meine Kinnlade steht offen. Wortwörtlich.

Hinterher fällt mir ein, was ich hätte sagen können. Auf meine jüdischen Vorfahren verweisen zum Beispiel. Oder, dass ich viele Jahre im Ausland gelebt habe. Oder dass LIDL, ALDI & Co gerade in Bulgarien alle heimischen Supermärkte plattwalzen und das Land ausbeuten. Oder. Oder. Oder.
Ich habe nicht vergessen, dass die Siegener Zeitung sich vor einigen Monaten mit einem skandalösen fremdenfeindlichen Artikel böse in die Nesseln setzte (hier eine ausführliche Auseinandersetzung damit). Und ich erinnere mich, dass Kollege Kubiwahn vor einiger Zeit über Alltagsrassismus schrieb. Im Radio höre ich in beschissenem Deutsch die Kommentare von Dummköpfen

, die in Berlin gegen ein Flüchtlingsheim protestieren, damit “die Syrer sich es hier bloß nicht bequem machen”. Solche Leute möchte ich schütteln. Nein. Eigentlich mehr. Eigentlich wünsche ich ihnen ein Praktikum in Aleppo. Oder Bagdad. Einmal erleben, wie das ist, wenn man um sein Leben bangt. Oder seine Kinder vor Angst nicht zur Schule schicken mag. Oder nichts zu Essen hat. Wenn das Hauptproblem nicht das neue Ladekabel vom iPhone ist (s.Video. Unbedingt!).

Warum ich das überhaupt schreibe? Ach.. ich bin einfach stinksauer. Wenn es eine Dummheit gibt, die mich wirklich, wirklich, wirklich wütend macht, dann ist das Rassismus.

Ich könnte kotzen.

4 Replies to “Alltagsrassismus”

  1. Ich auch.
    Wenn ich mir dann anhören kann, dass die Türken immer Schuld sind.
    Das alle kriminell sind, die hier herkommen.
    Einerseits sind nicht alle Kriminell, anderen seits, wenn man von klein auf immer wieder hört, man ist nichts wert, man klaut ja nur, dann muss man ja denken, dass es von einem erwartet wird. Dass man Erwartungen erfüllen sollte. Ich denke da nur an den Film „Blue Eyed“ (habe ich glaub ich schon mal vorgeschlagen.) Vor kurzem wurde meine Schwester von einem nun ehemaligen Familienfreund als „Türkenschlampe“ beschimpft, da sie eben mit einem zusammen ist. Sie würde nach ihrem Freund nie wieder einen abkriegen. So was hasse ich. Überhaupt Rassismus und Nazitum ist großer Scheiß. Meine Großeltern Väterlicherseits waren Wiederständler. Meine Oma wäre beinah deportiert worden, weil sie Niederländische Vorfahren hatte. Sie hatte sich auch öffentlich als Gegnerin geoutet. Mein Opa war SPDler und Alkoholiker in Bethel. Das genaue Gegenteil waren die Großeltern meiner Mutter (Die zum Glück auch gegen Nazis ist.) Ihre Eltern waren ganz braun. Ihr Vater war Wärter in Buchenwald. Alleine das Beschämt uns.

  2. Je mehr wir besitzen, desto mehr fürchten wir uns, etwas davon zu verlieren. Anders kann ich es nicht erklären. Vor allem wenn wir als Gesellschaft an einen Punkt gekommen sind, wo Zuwachs nicht mehr das Normale ist. Es ist tatsächlich das absolut irrationale Gefühl von Angst – eine der vielen Facetten davon. Was natürlich keine Entschuldigung ist, sondern nur ein Puzzleteil auf der Suche nach einem Grund für alltäglichen Rassismus.

    viele Grüße aus der Provinz von Frau Henner

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