Bestechung

Carolina schüttelt ihr Sparschwein, um 2 Euro Kakao-Geld zu bekommen. Es klimpert und 2,30 € fallen heraus. „Ach“, sagt sie, „das sind 30 Cent zu viel. Aber die schenke ich einfach meiner Klassenlehrerin.“ Sie meint das so. Sie hat keine konkrete Wertvorstellung von Geld und möchte ihrer Lehrerin einfach eine Freude machen.

Zur Geburt meiner zweiten Tochter macht meine Klasse meiner Frau und mir ein (verspätetes) kleines Geschenk.
Ich freue,bedanke mich für die Aufmerksamkeit und weiß das sehr zu schätzen. Als Klassenverbund wird man immer auch ein wenig “Familie”. Man bekommt die Geburt von Geschwisterkindern mit, den Tod von Großeltern, Scheidungen und was die Kinder auf Freizeiten so erleben.

Ich erzähle der Klasse von jener Berliner Lehrerin, die von ihrer Abschlussklasse ein Geschenk erhielt, wegen der Annahme des Geschenkes angezeigt wurde und anschließend eine Geldstrafe von 4000 Euro zahlen musste. (Das Geschenk meiner Klasse ist keine 198 Euro wert, wie jenes der Berliner Kollegin. Nicht mal annähernd.)

Meine Schüler zeigen sich erstaunt und können das Urteil nicht fassen.

Für ein paar Augenblicke lasse ich sie schimpfen. Dann erkläre ich ihnen, wieso ich das Urteil eigentlich richtig finde und es entwickelt sich ein Gespräch über Korruption. Ich verdeutliche, dass eine Bestechung nicht in nachts unter einer Brücke, in dunklen Mänteln und mit einem Geldkoffer abläuft. Sondern das Tills Vater mir einen “besonders guten” Preis für meine Winterreifen macht und ich im Gegenzug bei Tills Abschlussprüfung mal ein Auge zudrücke. Da gibt es keinen Vertrag. Es wird nichts abgesprochen. Gegenseitige Freundlichkeiten. Mehr nicht.
”Am Ende führt das dazu, dass die reichen Eltern euch zu guten Schulabschlüssen verhelfen – und wer zu Hause kein Geld hat, der hat leider Pech gehabt. Das darf nicht sein.”

Obwohl mir jetzt zwanzig Minuten meiner Mathematikstunde fehlen, sind das Stunden, wie ich sie liebe: Man hat eine Meinung, äußert sie lautstark und schimpft und zetert (“dämliches Gesetz” “Wozu soll das gut sein?”)– und nachdem man etwas nachgedacht hat und einen größeren, weiteren Blickwinkel erlangt, vertritt man genau die gegenteilige Meinung (“Gut, dass es solche Gesetz gibt!”).

Vor vielen Jahren schenkte mir meine damalige Klasse als ich die Schule verließ einen großartigen, singenden BVB-Toaster zum Abschied. Auch den hätte ich vermutlich nicht annehmen dürfen. (Die Schüler haben mir aber versichert, es wäre ein oller, gebrauchter Toaster für 9,99 € bei Ebay gewesen.)

Auch Carolina erklären wir, dass man seinen Lehrern kein Geld schenken darf. Auch sie versteht das – wenn sie es auch einfach schade findet, ihrer Klassenlehrerin keine Freude machen zu dürfen.

Schule… da lernt man dann doch Einiges fürs Leben Smiley.

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9 Responses to Bestechung

  1. Frau Henner says:

    Das Gesetz ist wichtig, aber das Maß ist falsch. Wenn jeder Schüler einen Euro gibt, können die Schüler für 30 Euro ein nettes Geschenk kaufen. Mit weniger geht es auch. Aber 10 Euro als Grenze ist lächerlich – das reicht noch nicht mal für einen Blumenstrauß.

    Im Grunde braucht es ja gar keine Geschenke und wenn mir die Schüler eine Freude machen wollen, dann sollen sie mir ein Klassenfotos mit allen Namen drauf schenken, dann kann ich mich auch später noch an sie erinnern, oder einen netten Brief, ein kleines Büchlein mit eigenen Geschichten.

    Aber gerade die Abschlussklassen sind da nicht so kreativ und viel zu sehr mit dem Abitur beschäftigt. Und was schenken sie dann der Deutschlehrerin – natürlich ein Buch und das kostet heute selbst im Paperback 12,95 Euro. Also mache ich mich jedes Mal strafbar – denn wir bringt es schon übers Herz, ein solches Geschenk abzuweisen.

    Für 12,95 Euro bin ich nicht käuflich!
    Die Frage ist dann nur, wo eigentlich die Grenze setzen?

    Zum Abschluss vom Referendariat bekamen wir von der Schule eine Tasse mit einem Werbekuli drin und drei Riegeln merci-Schokolade. Auf der Unterseite der Tasse klebte noch der Preis: 99 cent beim Restpostenladen. Das ist dann zwar nach dem Gesetz, aber eher peinlich. Das Geschenk hätten sie mal stecken lassen können.

  2. A. Dück says:

    Wo liegt denn die gesetzlich Grenze? Wenn man nicht mehr als 10 Euro verschenken darf, könnte eine Klasse zusammen fast 300 Euro verschenken!

  3. Moi says:

    Das mit den 10 € ist gut zu wissen als Grenze. Dann gibt es nächstes mal halt jede Woche 10 € und das halt 5 Wochen lang. Ich finde wenn eine Elternschaft sich dazu entschließt einem Lehrer eine Aufmerksamkeit für ein besonderes Ereignis zukommen zu lassen, wird sie schon einen Weg finden. Da können die Kinder ja eh nichts für was Eltern machen. Umso toller finde ich es, das man in meiner Klasse als Elternpflegschaft innerhalb einer Woche von jedem wirklich jedem Kind das Geld erhalten kann. Wenn man eine so gut funktionierende Klasse hat ist auch ein Geschenk möglich ohne Hintergedanken. Wir haben in jedem Fall tolle Lehrer und möchten diese nicht missen. Und da wird uns auch kein Gesetz von abhalten. Ich denke ich spreche für alle. Bei nächster Gelegenheit werde ich dann lieber mit den betroffenen Lehrern Rücksprache halten bevor man eine Aufmerksamkeit plant, in welcher Form sie übergeben werden kann und darf. Vielen Dank für den Hinweis. Nicht das das überreichende Kind nächstes mal abgestempelt wird.

  4. Nicole says:

    ist es dir denn sonst schon mal passiert, dass man dir Geschenke mit einem Hintergedanken gemacht hat?
    Mir ist es vor Weihnachten bei meinem Aushilfjob nämlich passiert, dass eine Mutter für die Lehrer ihrer Tochter Geschenke gekauft hat (kann man hier nachlesen: https://examenundso.wordpress.com/2014/12/13/wie-besteche-ich-die-lehrer-meiner-tochter/) und ich war doch etwas irritiert, da ich das so noch nie erlebt habe.

    Liebe Grüße

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