„Eine Lobby bekommt ihr Schulfach“

„Eine Lobby bekommt ihr Schulfach“

..titelt SPIEGEL ONLINE und darum muss ich diesen Artikel überarbeiten und nochmal nach vorne holen.

Meinen großartigen 10ern habe ich aufgetragen, sich die neue Lerntheke herunterzuladen und eigenständig damit zu arbeiten. Schließlich naht die Abschlussprüfung. Und die Zeit.. die Zeit! Als Vorbereitung auf die Oberstufe würden sie das auch alleine hinbekommen. Und weil sie so toll sind und so, habe ich totales Vertrauen.
Natürlich wusste ich, dass sich nicht alle daran halten würden. Höchstens die Hälfte. Vielleicht ein Drittel. Wenn es ganz schlecht läuft, nur eine Handvoll.

Als ich heute morgen auf den Download-Zähler der neuen Lerntheke 10.3 blicke, steht da… eine Null. (Genaugenommen steht da nicht mal eine Null, sondern gar nichts – was das ganze symbolisch nur noch verdeutlicht.)

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Nicht ein einziger Schüler meines faulen Kurses hat sich die Mühe gemacht, auch nur so zu tun, als würden sie lernen. Statt dessen schlafen sie lieber aus oder frühstücken zusammen bei jenen, die neben der Schule wohnen.

Ich kann mich ja nur vage an meine eigene Schulzeit erinnern, aber wir hätten damals… ohne zu zögern… mit Anstand!… ohne Aufforderung.

Aber die Jugend von heute!

imageWas uns zum tagesaktuellen Geschehen führt: Eine Kölner Schülerin beschwert sich via Twitter, sie beherrsche zwar Gedichtanalysen, habe aber keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen.
Und weil Medienhypes oft unerklärlich sind, finden das plötzlich tausende Leute toll und andere tausende dämlich.
Wer die Debatten um deutsche Schulsysteme am Rande verfolgt, wird sich an einige ähnliche Diskussionen in den letzten Monaten erinnern:

Und nun noch (um die Schulleiterin von Naina sinngemäß zu zitieren):

  • Brauchen wir ein Fach namens Bügeln, Kochen, Kontoauszüge ziehen?

Die Antwort darauf fällt natürlich nicht so spektakulär aus, wie es der aktuelle Hype glauben macht. Denn Nainas Schule selbst bietet bspw. einen “Fit for Life”-Kurs an, in dem ihre Fragen womöglich gut aufgehoben wären. Meine alte Schule bietet Jahr für Jahr einen professionellen Knigge-Kurs über vernünftiges Benehmen an und meine jetzige (Gesamt-)Schule hat ein komplettes Berufsvorbereitungskonzept, in dem die Schüler entsprechend den Anforderungen für die Oberstufe bzw. ihren Ausbildungsplätzen unterschiedlichen Unterricht erhalten. Da findet sich dann ein Fach wie “Wirtschaft” für die einen oder “höhere Mathematik” für die anderen. In Baden-Württemberg demnächst flächendeckend. „Um die Lehrer speziell für das neue Fach auszubilden, soll an der Uni Tübingen zum kommenden Semester eine Professur eingerichtet werden – finanziert von der Holtzbrinck-Stiftung.“ schreibt SPIEGEL ONLINE. Puhh… man stelle sich vor, mein Studium wäre von Microsoft ausgebildet/finanziert worden…!? Schwierig.

Entscheidend ist meines Erachtens, dass Schule eine Bildungsanstalt und keine Ausbildungsanstalt ist.

Ein junger Erwachsener kann sich erst dann für (s)einen Beruf entscheiden, wenn er einen tieferen Einblick in die verschiedenen Fachbereite erlebt hat: Nachdem ich mich und meine Lehrer sieben Jahre durch Französisch gequält habe war mir sonnenklar: ich mache eher nichts mit Sprachen. Ich erinnere mich mit Grausen an Effi Briest und die Minnelyrik im Deutsch-LK… Gruselig! Aber heute schreibe ich einen Blog und das Erstellen von Texten geht mir recht zügig von der Hand.

Zu einer Bildungsanstalt gehört, den Verstand spielen zu lassen und ihn manches Mal auch zu quälen. Wir sind (noch) kein Zuarbeiter für die Wirtschaft. Wir liefern keine Angestellten und Facharbeiter aus – sondern Menschen. Bezeichnenderweise schlägt Spiegel Online unter der Überschrift “Verplempert eure Zeit!” in die gleiche Kerbe.
Und so leid es mir tut – dazu gehört in diesem Alter auch, auf den Mathelehrer zu pfeifen und die Freistunden zu chillen, statt die neueste Lerntheke runterzuladen. (Und natürlich gehört dann auch dazu, in der nachfolgenden Woche Ärger und eine Menge Arbeit aufgehalst zu bekommen…)

14 Replies to “„Eine Lobby bekommt ihr Schulfach“”

  1. Herrlich, ich dachte beim Lesen: “ Der wundert oder ärgert sich doch jetzt nicht ernsthaft..?“ Nein, tust du nicht und deshalb lese ich deinen Blog so gern. Gute Besserung!

  2. Wobei ich schon dneke, dass der Schulstoff aktuell albern ist.

    Gedichtanalyse in Deutsch – gerne! Aber muss ich es auch in Englisch oder Französisch machen? Wir haben sogar in Englisch ALTENGLISCHE Gedichte interpretiert, die wir nichtmal verstehen konnten, weil es ganz andere Wörter waren?

    Naina beschreibt in meinen Augen schon einen Missstand – und ich wäre froh, wenn die Schule sich so ändert, dass in 10 Jahren ein Kind twittert: „Ich verstehe, wie die Finanzwelt (und damit auch Versicherungen) funktionieren. Und ich kann Gedichtanalyse – in zwei Sprachen“

    DAS fände ich gut!

    1. Schwierig, schwierig – was macht man, weil es relevant ist und was, einfach um einen Menschen zu bilden?
      Wieviel von dem, was ich in Kunst/Erdkunde/Geschichte/Französisch/Deutsch-LK gelernt habe, brauche ich heute noch? Wenig bis gar nichs. Trotzdem möchte ich es nicht missen.

      1. Ja, das ist schwierig.

        Ich persönlich hätte tatsächlich auf die zweite Fremdsprache verzichten können – auch Erdkunde hätten mir persönlich zwei Jahre gereicht, nicht fünf 😉

        Und dafür eben einmal einen Kurs über „wie funktioniert Geld / Zins?“ oder „was ist ein Vertrag?“ – hätte ich persönlich gut gefunden.

  3. Ich stimme dir voll und ganz zu. Bildung ist mehr als Ausbildung. Und wer weiß, wie Geld funktioniert, weiß sowieso noch lange nicht, wie Banken funktionieren, oder glauben die Menschen immer noch, Finanzen wären rational? Wirtschaft immer erklärbar und logisch?

    Schule kann nicht alle Definzite ausgleichen, ein junger Mensch muss eben auch von sich aus etwas fürs Leben lernen. Wie wäre es, wenn Naila anfängt regelmäßig Zeitung zu lesen? Dann würde sie schon einiges mehr wissen über das Leben und seine Unerklärbarkeiten. Dafür braucht es aber kein Schulfach. Dafür braucht es Eigeninitiative.

    Wird sie auch schon noch drauf kommen. Das Leben schenkt uns nichts. Wir müssen unser Leben schon selbst leben. ZUM GLÜCK!

  4. Naja, zum Thema „ins Straucheln kommen“:
    Zitat: „Aber heute schreibe ich einen Blog und das erstellen von Texten geht mir recht zügig von der Hand.“
    Das „Erstellen“ ist eine Nominalisierung und wird somit groß geschrieben. Kann ja mal passieren…
    Ansonsten: Nur über diese Seite bin ich auf die OneNote-Idee gestoßen und profitiere täglich davon.
    Gruß,
    Martin.

  5. Ich gestehe, das das Kernproblem des SpOn Artikels frappierende Unwissenheit ist. Wirtschaftsunterricht gibt es schon lange, ebenso wie eine Lehramtsausbildung dazu (auch wenn der Artikel behauptet, das sei jetzt total neu). Der Wirtschaftsunterricht ist an allgemeinbildenden Schulen aber keine Ausbildung (das ist es an OSZs und beruflichen Schulen) sondern Bildung. Denn es gehört heute zum fundamentalen Wissen seine Umwelt zu verstehen – und da hilft die Kompetenz mit den Begriffen Märkte, Güter, Marketingmethoden, Vertragsrecht, volkswirtschaftlichen Strukturen und internationalem Handel kritisch(!) umzugehen, denn all das begegnet jedem Menschen, wenn er einen Handyvertrag unterschreibt oder die Zeitung aufschlägt. Irgendwo in der Sek I wird auch mal der Unterschied zwischen Brutto und Netto erklärt und mit Zinsen gerechnet, aber der Kern liegt tatsächlich im wissenschaftlichen Bereich, also der Vermittlung des Wissens, auf dessen Grundlage auch jedes Bäckerei funktioniert, jedes Finanzministerium der Welt die Staatsfinanzen kalkuliert und die Weltmärkte funktionieren. Das kann man nicht aus der Zeitung lernen, eine fachliche und didaktische Vermittlung macht da schon Sinn.

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