Nennt mich konservativ…

3. Juli 2012 12 Von Jan-Martin Klinge

2012-06-22 12.03.55Wie es der Zufall so will, war ich in den vergangenen Wochen auf mehreren Abschlussfeiern – und mir bot sich ein reiches Spektrum verschiedener (und doch immer gleicher) Varianten dieses Rituals.
Der Abschlussjahrgang meiner Schule hat eine vernünftige Feier über die Bühne gebracht. Keine richtig spektakulären Showeinlagen, aber vernünftig vorgebrachte Darbietungen: Zwei Musikstücke, ein Theaterstück und eine Präsentation. Davor und dazwischen und danach die Reden von allen möglichen wichtigen Leuten, am Schluss die Zeugnisse. Eine Abschlussfeier wie eine solide Folge von “Wetten, dass…!?” möchte man sagen.

Weil ich vor kurzem einen alten Studienfreund im Saarland besuchte, bin ich dann (eher zufällig) auf die Feier seiner Schule geraten. Und dieser Abschluss beschäftigt mich auch heute noch. Dabei hat mich nicht nur die Masse an niveaulosen lieblos gestalteten Beiträgen erschrocken, sondern z.T. auch der Inhalt.
In einem Videobeitrag wurde der Schulalltag nachgestellt und ein Lehrer der Schule bloßgestellt nachgeäfft. Und es gibt ja zwei Arten von Humor, nicht wahr? Dies war die böse Form. Nennt mich konservativ, aber so etwas geht gar nicht! Ich wäre am liebsten aufgestanden und gegangen. Das dann weitere Kollegen in dem Film auch noch mitgespielt haben, hat die Sache nicht besser gemacht. Wie kann man einen Kollegen in der Öffentlichkeit so bloßstellen? Egal wie viel Wahrheit da drin steckt. Und dies dann als Kollegium tolerieren bzw. unterstützen? [Man stelle sich bspw. einmal vor, eine Klasse würde einem Lehrer in einem solchen Beitrag ein Alkoholproblem andichten…]
Ein anderer Beitrag wurde vermutlich mit einem Siemens S71-Handy gefilmt – zumindest ließ Bild- und Tonqualität darauf schließen. Gefühlte 15 Minuten eine Aneinanderreihung von… ja, was eigentlich? Nichts. Schüler saßen da und machten lustige peinliche Geräusche und Grimassen. Das ganze dann mit verschiedenen Farbfiltern garniert. Und in verschiedenen Geschwindigkeiten. Weil eine Micky-Maus-Stimme so lustig ist. Und als wäre das nicht anstrengend genug, gab es am Schluss noch 5 Minuten Outtakes dazu.
Eine PowerPoint-Präsentation, in der jeder einzelne Schüler vorgestellt wurde. “Ja, dass ist der Sowiso, der ist total sympathisch und immer für einen Spruch gut.”  Das ganze dann 20 Mal. Danke!
Ein Theaterstück völlig ohne Inhalt. Völlig ohne Inhalt! Völlig. Schülerinnen standen herum und unterhielten sich über ihren Lippenstift.
Und nebenher und anschließend wurden die (nun ehemaligen) Lehrer frei heraus geduzt.
Ich frage mich, ob die sich nicht ein einziges Mal Feedback geholt haben? Ob denen nicht ein einziges Mal irgend jemand gesagt hat, dass sie sich deutlich unter Wert verkaufen.

Ich habe an meine Klassen gedacht. Jetzt und während des Referendariats. Nennt mich konservativ, aber ich hätte meinen Klassen “die Hölle heißgemacht”, wenn die einen Kollegen so vorführen oder solch besonders “lustige” Videos zeigen würden. Oder unvorbereitet ihre Klasse vorstellen und jeden als “sympathisch” bezeichnen. Warum keine Anekdote zu jedem? Oder irgendwas persönliches? Nennt mich konservativ, aber mich wird keine Abschlussklasse jemals frei heraus “duzen”. Das ist respektlos.
Natürlich war nicht alles so schlimm. Gelungene Tanzeinlagen und Lieder waren dabei. Tolle Choreografien, eine Einrad-Fahrerin mit unglaublichem Tempo und wirklich gut vorbereitete Reden. Aber am Ende bleibt bei mir vor allem das Negative hängen.

Dabei geht es ja gar nicht um eine Riesenshow. Ein gemeinsam gesungenes Lied. Ein witziges (!) Theaterstück. Ja, zieht die Lehrer durch den Kakao – aber liebevoll. Wertschätzend. Es ist wie in der Erziehung – das gemalte Bild des eigenen Kindes ist immer besser, als etwas Gekauftes.
Aber halbherzige Videos und PPPs… Spart es euch.

Oder bin ich zu konservativ? Bin ich zu anspruchsvoll?