#2: Flut

16. Februar 2014 13 Von Jan-Martin Klinge

Wie angekündigt, will ich heute über die Flut sprechen. Nicht, weil es eventuell zu dem gleichnamigen Blockbuster passt, der bald ins Kino kommt. Sondern weil unsere Ahnen es taten. Die Sumerer erzählten Hochwassergeschichten. Die Mesopotamier berichteten von der Flut. Und die Babylonier. Geschichten über Wasser und seine zerstörerische Kraft, Dörfer, Städte und ganze Landstriche zu verwüsten waren in der antiken Welt nicht unüblich.

Es gab sogar Geschichten über Menschen, die Boote bauten, um die Fluten zu überleben.

In all diesen Flutgeschichten ist das Wasser als eine Art göttliches Urteil betrachtet worden, als Strafe für die Menschen, bei denen vieles schief lief. Die Götter seien zornig, so glaubte man, und die Flut war der Weg, die Welt von allem Unrat zu reinigen.

Die Flut kam vierzig Tage lang über die Erde…
[Gen 7]

Wenn uns zu Beginn der Bibel also eine Geschichte über die Flut begegnet, ist das gar nicht so ungewöhnlich. Die Geschichte unterscheidet sich nicht einmal besonders von den anderen Geschichten der Sumerer, Mesopotamier oder Babylonier, weil sich dieser Gott nicht von denen der Sumerer, Mesopotamier und Babylonier unterscheidet – genervt von der Boshaftigkeit der Menschen, drückt er seinen göttlichen Zorn in Form einer Flut aus.

Aber dann passiert etwas ungewöhnliches in der Geschichte. Sie endet mit dem göttlichen Versprechen, dass so etwas nie wieder passieren werde:

Gott erschafft einen Regenbogen und schenkt uns ein Versprechen und einen Bund.

Bitte was?

Einen Bund. Eine Vereinbarung. Ein Schwur. Eine familiäre Bindung zwischen zwei Menschen, die zueinander gehören.

Das Ende dieser Flutgeschichte unterscheidet sich massiv von denen der anderen. Bei den anderen sind die Götter zornig und jeder stirbt und die Götter sind befriedigt. Ende der Geschichte.

Aber der Gott in dieser Geschichte ist anders. Er verpflichtet sich, mit den Menschen einen neuen Weg zu beschreiten, einen Weg, in dem das Leben erhalten und geachtet wird.

Warum wurde diese besondere Geschichte erzählt?

Warum hat diese Geschichte Bedeutung?

Warum hat sie Bestand?

Einige Gründe.

Erstens: Stellen wir uns vor, wir hätten keine NASA-Bilder als Desktophintergrund, keine Wetterberichte und auch kein Goggle-Maps. Stellen wir uns vor, wir hätten uns nie weiter als ein paar Kilometer von unserem Geburtsort entfernt. Nichts als die fünf, sechs Dörfer um uns herum.

Okay?

Und dann stellen wir uns vor, wie eine gewaltige, massive, wirbelnde und furchterregende Wand aus Wasser heranrast, aus heiterem Himmel und uns unser ganzes Leben nimmt. Wir erinnern uns an die Bilder aus Japan. Fukushima.

Was hätte das für Folgen in unserem Kopf?

Wir würde vermutlich tun, was man immer tut, wenn es einem schlecht geht – wir suchen nach Gründen. Und in der Antike war völlig klar, dass diese Art von Kräften, diese Dinge nur den Göttern möglich waren. Und diese Götter waren der Menschen offensichtlich überdrüssig geworden mit ihren Verleumdungen und dem Chaos und hatten wohl beschlossen, sie auszulöschen.

So sahen die Menschen (seinerzeit) die Welt.

Die Götter waren ziemlich sauer und genauso verstand man sie auch.

Aber diese Geschichte handelt von einem Gott, der eine Beziehung aufbauen will.

Ein Gott, der erretten will.

Ein Gott, der in einem Bund leben will.

Diese Geschichte handelt von einer neuen Sicht auf Gott und von Gott.

Keiner, der die Menschheit austilgen, sondern in Beziehung leben will.

Natürlich ist es eine einfache, primitive Geschichte. Natürlich. Es ist ja auch eine sehr, sehr alte Geschichte. Aber sie erzählt uns etwas darüber, wie die Menschen seinerzeit die Welt verstanden haben und was um sie herum geschah.

Diese Geschichte aber nur als alt und primitiv abzustempeln und wegzulegen, wird ihr nicht gerecht, denn als sie zum ersten Mal erzählt wurde, offenbarte sie ein atemberaubendes, neues Konzept über einen besseren, freundlicheren, friedvolleren Gott, der die besten Absichten für die Menschheit hatte.

Sie ist primitiv und gleichzeitig extrem progressiv.

Noch ein Gedanke. Über Einhörner.
(Wie großartig ist diese Überleitung?)

Wenn jemand (wir?) Geschichten aus der Bibel hören, dann oft mit rollenden Augen, die ein unterschwelliges „kannst du glauben, dass heutzutage noch jemand diesen Kram glaubt?“ suggerieren.

Diese Form von Zynismus entsteht, denke ich, durch die Art und Weise, wie (oft sehr religiöse) Menschen versuchen zu beweisen, dass dort wirklich zwei Tiere jeder Art in der Arche standen und

Ja, das Schiff war groß genug!

Und

Natürlich hatte Gott einen Plan, was mit dem Elefanten-Pupsi-Mupsi geschehen sollte.

Etwas in der Art.
Bei dem Versuch, diese Texte in ihrer Wörtlichkeit zu begreifen, schießt man oft am Ziel vorbei – man begreift die wirkliche Aussage der Geschichte nicht. Denn diese Noah-Erzählung ist ein krasser Schritt nach vorne in der Geschichte der Menschheit gewesen, ein Durchbruch in dem Verständnis, wie die Menschen Gott betrachtet haben und ein weiterer Schritt hin zu einem weniger gewalttätigen, rationaleren Gott.

Sie beginnt wie die anderen Geschichten über die Flut,

aber dann geschieht etwas anderes,

etwas Neues.

Etwas Besseres.

Grund genug, von der Flut hin zu einem Fisch zu kommen.

Genauer gesagt, zu einem Fisch, der Leute verschluckt und sie nach drei Tagen wieder ausspuckt.

Dank geht an Rob Bell.