Der letzte Abend.

28. August 2014 8 Von Jan-Martin Klinge

Bis in den Nachmittag war es eine fantastische, vollumfänglich großartige Klassenfahrt und (wie immer?) fragt man sich im nachhinein, was man hätte tun können; warum man nicht einen Tag vorher abgereist ist.
Hätte. Wenn. Möglicherweise.

Aber der Reihe nach.

In einem anonymen Lehrerblog könnte ich an dieser Stelle mit Pseudonymen und Details aufwarten, die hier aber fehl am Platze und letztlich völlig uninteressant sind. Nur soviel: Es ist niemand ernsthaft zu Schaden gekommen und es ist auch nichts zerstört worden. Es wurde zu wild getobt und am Ende gab es viele Tränen und Vorwürfe und Anschuldigungen.
Um zu verdeutlichen, wie schwierig der Lehrerberuf auch sein kann, möchte ich euch heute ein Stück weit in diesen letzten Abend mitnehmen, der exemplarisch für hunderte Klassenfahrten von hunderten Schulen steht. (Ich werde gleiche alle möglichen Handlungsmuster aufzeigen, die so gestern gar nicht vorgekommen sind – aber das wird gleich klar.)

Bereit?

Okay. Dies war nicht meine erste Klassenfahrt (und hoffentlich nicht meine letzte) und gerade in der Mittelstufe erlebt man häufiger ein explosionsartiges Ausbrechen von Emotionen bei den Schülern. Harmlose Streits ufern plötzlich völlig aus, weil die Kinder müde sind und seit Tagen keinerlei Ruhephasen haben, in denen sie allein sind. Alle schreien sich an. Irgendwer weint und steckt damit alle anderen an. Es entsteht eine Art Hysterie, eine wachsende Spirale von Emotionen, die kaum zu bändigen ist.

Einen solchen Abend hatten wir gestern.

Früher (in den guten alten Zeiten) haben sich die Kinder wieder beruhigt. Am nächsten Morgen war alles nicht mehr ganz so dramatisch. Es wurde sich entschuldigt. Manch böses Wort vergessen.

Heute berichten die Schüler in Echtzeit via whatsapp oder facebook oder SMS ihren Eltern von den Geschehnissen. Dies tun sie – für Kinder üblich – in subjektiver und verkürzter Form, womöglich gefolgt von einem dramatischen “Holt mich bitte sofort ab!”.
Während man als Lehrer also versucht, alle wieder zu beruhigen und ein wenig Wind aus den Segeln zu nehmen oder auch nur herauszufinden, was überhaupt geschehen ist, tut sich im schlimmsten Fall eine zweite Gewitterfront auf: Die Eltern versuchen aus der Ferne herauszufinden, was zur Hölle da los ist. Dies verstärkt den Stress, weil man als Lehrer selbst oft noch gar nicht weiß, was überhaupt wer zu wem gesagt oder getan hat.

Nach zwei bis drei Stunden haben sich dann alle (Kinder) wieder beruhigt. Man hat ein paar Puzzleteile und setzt sie zu einem Bild zusammen, ahnt, was wie geschehen sein könnte. Alle Informationen basieren aber auf den überhitzten Gemütern der Schüler.
Im nächsten Schritt muss ich mir überlegen, ob ich die betroffenen Eltern nun anrufe und informiere, oder erst einmal abwarte, bis sich der Staub gelegt hat.
Konkret: Herr Sowieso schaut irgendwann auf sein Handy, sieht 143 Nachrichten von seiner Tochter, die alle ganz dramatisch klingen. Mehr weiß er nicht, auch der Lehrer hat sich nicht gemeldet. Herr Sowieso muss sich (zu recht) fragen, ob der Kollege die Situation noch im Griff hat und wird nervös.
Alternativ: Herr Sowieso wird (tendenziell nachts) angerufen und informiert. Man weiß zwar nichts genaues, aber dies und das ist vermutlich so und so passiert. Man schaue morgen mal. Man wolle nur informieren.

(An dieser Stelle nochmal die Erinnerung: Das alles ist so gestern gar nicht geschehen – aber es sind Dinge, die wir als Lehrer in der Situation im Kopf durchspielen müssen.)

Am nächsten Morgen hat sich die Lage oft beruhigt. Die Kinder entschuldigen sich. Manches wurde gestern dramatischer erzählt, als es tatsächlich war. Auch unsere Schüler saßen morgens schon beim Frühstück wieder nebeneinander, quatschten und lachten, als wäre nichts gewesen. “Bis auf den Abend war die Klassenfahrt cool, Herr Klinge!”

Es wächst Gras drüber. Früher wuchs Gras drüber – bis die Kinder zu Hause waren, war die ganze Kiste längst vergessen: Heute stehen besorgte Eltern mit Informationshäppchen da und wissen nicht, was sie tun sollen.
Beschwichtigt man als Lehrer die Situation, bekommt man womöglich das Live-Protokoll zu sehen; ob man die Situation vielleicht nicht ernst genug nähme?

Wir haben in dem Sinn Glück, dass die Eltern unserer Schüler einigermaßen entspannt waren und nicht darauf pochten, auch von uns mit einem Michael-Schumacher-Live-Ticker informiert zu werden. Sie vertrauen uns und ich kann nur nochmals Danke! Danke! Danke! sagen. Wir tun unser Bestes!

Schade ist, dass es eigentlich noch so viel Tolles zu erzählen gäbe. Berührende Momente (z.B. das unsere Zwillinge von den Mitschülern hoch in unser Stockwerk getragen wurden, um an der spätabendlichen Gemeinschaft teilzuhaben) oder amüsante Jungenstreiche (z.B. wie einer unserer Chaoten in der Innenstadt erfolgreich Gratiswerbeprospekte für 2 € das Stück verkaufte) oder coole Dinge (z.B. das wir die JHB vor einem Wasserschaden von einigen tausend Euro bewahrt haben). Ich würde gerne erzählen, wie stolz ich auf meine Klasse bin, die in den drei Tagen erstaunliche 42 km zu Fuß zurückgelegt hat. Ohne Klagen und Murren. Die im Speisesaal alles aufgeräumt und ordentlich hinterlassen hat. Auf die wir uns bei jeder Wanderung verlassen konnten.

Aber manche Aktionen und Worte sorgen dafür, dass am Ende von so einer Klassenfahrt bei den Kindern zunächst nicht mehr viel übrig bleibt, als Frust und Enttäuschung.

Diesen Blog schreibe ich immer auch, um einen Einblick zu geben in den Lehrerberuf und ich hoffe, die letzten Tage haben euch vor Augen geführt, wie schön und großartig – aber auch wie herausfordernd und anstrengend er ist.