Lehrer-Evaluation

23. September 2014 8 Von Jan-Martin Klinge

Heute abend stellte das ZDF in einer Dokumentation die Frage „Wie gut sind unsere Lehrer?„.

Über die Qualität solcher Dokumentationen kann man immer streiten. Ebenso darüber, ob man sich als Lehrer einen Gefallen tut, wenn man sich im Alltag filmen lässt. Eine 40-minütige Dokumentation kann einem einzigen Thema nicht gerecht werden – und das ZDF hat von Inklusion über Abitur bis zu Evaluation jedem Thema gefühlte 5 Minuten gewidmet.

Schwierig.

Einen Aspekt möchte ich gerne aufgreifen, weil er mich persönlich nervt: Evaluation.

Etwas spitz stellt der Sprecher die Frage in den Raum, ob Lehrer überhaupt jemals Rückmeldung über ihre Arbeit erhalten nur um gleich darauf klarzustellen: Nein. Nie.
Es fallen dann Begriffe wie „Einzelkämpfer“ und „Evaluation“ und sofort herrscht beim Zuschauer (und Twitter-Kommentator) Empörung, dass wir Lehrer uns gar nicht mehr rechtfertigen müssen.

Ein paar lose Gedanken dazu. Und danach ein paar persönliche.

Während des Referendariats wird man etwa ein Dutzend Mal von externen Prüfern evaluiert. In der Praxis sieht das so aus, dass diese Show-Stunden intensiv vorbereitet werden.
Es wird aber oft gezeigt, was der Prüfer sehen will und nicht, was man selbst für richtig hält. Das lässt sich beliebig wiederholen: Wenn der Chef kommt, zieht man die Krawatte an und benimmt sich. Egal in welchem Beruf.

Dazu kommt: Ein fremder Prüfer kennt die Kinder nicht – er weiß nicht, warum ich dem (Klassenclown) Jan-Heinrich pädagogisch in den Hintern trete aber die (ihrer toten Uroma nachtrauenden) Violetta heute mal still in der Ecke sitzen lasse.

Dazu kommt, dass alle paar Jahre die nächste methodische Sau durchs Dorf getrieben wird. Eine zeitlang war es Partnerarbeit. Dann Gruppenarbeit. Dann Lernzirkel. Der Prüfer hat womöglich nichts für meine übrig und bewertet meinen Unterricht (= mich!) durch seine persönliche Brille. Man vergleiche einmal (nur methodisch) Examensstunden von vor dreißig Jahren und heute.

„Der Prüfer muss unangemeldet kommen“ wird sofort jemand rufen. Man muss sich nur selbst fragen, wie man „Überraschungsbesuche des Chefs“ bei sich finden würde. Eine solche „wir suchen so lange, bis wir (schlechte?) Stunden attestieren können“-Aktion vergiftet jedes Arbeitsklima.

Ich persönlich genieße es, mich nicht ständig rechtfertigen zu müssen. Ich darf auch ausprobieren und spielen und Bären vom Dach werfen und Papierbrücken bauen und Mathe-Theater spielen.
Meine Motivation, mich zu verbessern, kommt aus mir selbst: Beschissene Stunden sind anstrengend und ätzend. Gute Stunden machen Spaß, es wird viel gelacht und gerne gelernt.

Dazu brauche ich niemanden, der hinten mit hochgezogener Augenbraue sitzt und in einem Formular ausfüllt, was ich an welcher Stelle getan habe.