Montessori vs. Dorfschule

2. März 2015 24 Von Jan-Martin Klinge

IMAG0127_1Ich möchte heute gerne etwas über die unterschiedlichen Schulen erzählen, die meine Tochter so besucht hat. Meine Sichtweise ist dabei total subjektiv und ist bei anderen Eltern, anderen Kindern, anderen Schulen mit Sicherheit ganz anders. Aber ich bin einige Male nach meiner Einschätzung gefragt worden – und was ist das Internet anderes, als eine riesiges schwarzes Brett? Womöglich hilft es dem ein oder anderen, Klarheit zu gewinnen – zumindest aber mir selbst, wenn ich meine Gedanken aufschreibe.

Die ersten drei Schuljahre war Carolina auf einer Montessori-Grundschule. Bestandteile waren jahrgangsstufenübergreifender Unterricht, Inklusionskinder mit emotionalem Förderbedarf (meist) zwei Lehrern im Klassenzimmer, ein Ganztagskonzept mit Hausaufgabenbetreuung und sehr individuellem, offenem Unterricht. Textzeugnisse. Etwa 25 Kinder in der Klasse.

Jetzt ist Carolina in einer kleinen Dorfschule. Nur 14 Kinder in der Klasse. Sehr strenge Bewertungsmaßstäbe. Sehr strukturierter Unterricht bis mittags. Nachmittags oft Lernen am Küchentisch.

Im Vorfeld haben wir uns ganz bewusst für die Montessori-Schule entschieden. Im Nachhinein wäre unsere Entscheidung nicht so klar ausgefallen.

Das jahrgangsstufenübergreifende Konzept ist eigentlich toll: Es wird kein Unterricht im Gleichschritt durchgeführt, sondern auf die einzelnen Schüler zugeschnitten. Da wir Carolina mit 5 Jahren eingeschult haben, schien uns dass hilfreich. Nachteilig dabei ist, dass der Freundeskreis natürlich eingeengt wird: Statt aus 20 Mitschülern seine Freunde auszusuchen, bleiben nur noch zehn aus der gleichen Jahrgangsstufe. Und zieht man den Jungs-sind-doof-Mädchen-sind-doof-Faktor hinzu, bleiben noch weniger. Und denkt man dann daran, dass zwei, drei Kinder mit „starkem emotionalem Förderbedarf“ dabei sind… Hm. Nicht so einfach. Der in diesem Alter übliche, regelmäßige tägliche Zickenkrieg (“Wir sind keine Freunde!” ”Wir sind Freunde!”) macht das ganze nicht besser.

Obwohl ich selbst ein großer Anhänger von offenen Lernformen bin, war das für meine Tochter letztlich nichts: Im Kindergarten konnte sie schon lesen und einfache Worte schreiben (was letztlich der Grund für die Einschulung war). Am Ende der dritten Klasse wurde (unausgesprochen) eine Lese-Rechtschreibschwäche bei ihr diagnostiziert. Sie schrieb wie Kraut und Rüben. Lesen war ihr eine Qual. Eine krasse Fehlentwicklung.

Wie kann das sein?

Im Nachhinein rekonstruiere ich mir das so: Während der freien Arbeit hat sich Carolina anscheinend mit den Dingen beschäftigt, die sie prima konnte: Mathematik oder Sachkunde. Und offenbar ist das niemandem so recht aufgefallen. Ein liebes, braves Mädchen, das fleißig an seinem Tisch sitzt braucht weniger Aufmerksamkeit, als der tobende Till, der gerade wutentbrannt sein Heft zerreißt.

Auch das Ganztagesangebot (inkl. Hausaufgabenbetreuung) fanden wir anfangs toll: Wenn ich Carolina um 15 oder 16 Uhr abholte, zog sie einen Schmollmund und bat mich, doch eine Stunde später nochmal wiederzukommen. Sie liebte Schule.

Schule – Hausaufgaben – mit Freunden spielen.
Wenn sie dann abends nach Hause kam, haben wir nicht noch groß für die Schule gelernt. Sondern dann durfte sich entspannt werden. Schließlich hatten wir – gefühlt – ein Komplettpaket „gebucht“ (und auch knapp 1800 € Schul- bzw. Betreuungsgeld pro Jahr dafür bezahlt). Richtige Noten gab es nicht – und die Textzeugnisse klangen.. naja, wie Textzeugnisse halt. Beruhigend und freundlich formuliert. Aber schlecht vergleichbar. Alles schien in Ordnung.

Den Wechsel zur neuen Schule hat meine Tochter selbst bestimmt – und ist genauso glücklich, wie sie es vorher an der alten Schule auch war. Sie liebt Schule.

Aber die Anforderungen sind plötzlich ganz gewaltig.

In Englisch versteht sie kaum ein Wort. Die neue Klassenlehrerin hat ihr (nach dreiwöchiger Einschätzung ihrer Fähigkeiten) über die Sommerferien eine Schreibfibel zum Ausfüllen gegeben. In Mathematik sind die Anforderungen plötzlich ganz andere. Kleine Klasse. Alle gemeinsam. Im Gleichschritt. Ab mittags zu Hause.

Aber: Inzwischen ist von LRS keine Rede mehr. Nicht mal im Ansatz. (Wenn man dreißig Mal das Wort “Himmel” schreiben muss, dann weiß man irgendwann, dass es mit zwei m geschrieben wird.) Ihre Noten sind ganz ausgezeichnet. Binnen weniger Monate hat sie nicht nur die Schulumstellung geschafft, sondern auch jede Menge Stoff aufgeholt.

Carolina tat das offene Lernen nicht gut. Sie braucht klare Arbeitsanweisungen und die erledigt sie dann auch.

Ich möchte das gar nicht als Anklage verstanden wissen: Wir haben unseren Teil verschlafen und ich weiß, dass ihre (alten) Klassenlehrer ganz tolle Pädagogen sind. Ob sie Carolina zu viel zugetraut haben oder zu sehr mit anderen Kindern beschäftigt waren… spielt keine Rolle. Letztlich ist das für meine Tochter die falsche Schule gewesen.

Leider weiß man so etwas erst hinterher.