Inklusionshelfer im Unterricht

Seit ich vor drei Jahren Klassenlehrer einer Klasse mit zwei Kindern mit Glasknochen geworden bin, habe ich stets zwei Inklusionshelfer im Unterricht sitzen. Das sind oft Erwachsene ohne besondere sonderpädagogische Ausbildung aber mit viel gesundem Menschenverstand und dem Wunsch, hilfsbedürftigen Kindern einen weitestgehend normalen Alltag zu ermöglichen.

Nach drei Jahren möchte ich – für mich – ein kurzes Fazit ziehen. Einmal, weil mir solche “Lernbegleiter” in Zukunft immer wieder begegnen werden und ich dann gerne auf meine eigenen, verschriftlichten Erfahrungen zurückblicken mag, andererseits weil es womöglich zwei oder drei Interessierte geben mag, die sich in ähnlichen Situationen wiederfinden.

Manche Kollegen fühlen sich unwohl, wenn weitere Erwachsene im Raum sitzen. Das hat gar nichts mit “meinen” Inklusionshelfern oder unserer Schule zu tun, sondern ist grundsätzlich schwierig. Oft sind Stunden wenig spannend, Religion in der 8. Stunde ist eine Qual, als Lehrer ranzt man mal den einen Schüler an oder ist schlecht vorbereitet – immer steht man dabei “unter Beobachtung” eines anderen Erwachsenen. Eines Erwachsenen, der – ebenso wie alle Mütter und Väter im Land – kein Lehrer ist, aber sicherlich (und besonders im Stundenvergleich) eine Meinung zu Schule, Unterricht und guten und schlechten Lehrern hat. Obwohl ich bisher nur äußert sensible, sehr zurückhaltende I-Helfer kennengelernt habe, die niemals auch nur ein Wort über den Unterricht anderer Kollegen haben fallen lassen, weiß ich von einigen, dass sie meine Klasse nicht unterrichten wollen. Geht wohl vielen so – wer lässt sich schon gerne beobachten? Ich schätze, langfristig wird hier ein Gewöhnungseffekt einsetzen.

Als herausfordernd hat sich die besondere Situation “meiner” Glasknochenkinder herausgestellt: Ziel der Inklusion ist es, die Kinder so in den Alltag zu verweben, dass sie keine Sonderbehandlung mehr benötigen. Und tatsächlich werden meine I-Helfer im Unterricht kaum benötigt. Insbesondere bei körperlichen Behinderungen dürfte das häufiger auftreten: Hilfe brauchen die Kinder nur in der Pause oder beim Toilettengang. Das führt bei den I-Helfern langfristig zu großer Langeweile und Frust und dem damit verbundenen Wunsch, anderweitig in den Unterricht eingebunden zu werden.
An vielen Grundschulen klappt das ganz wunderbar – aber je höher die Klasse, desto schwieriger wird das. Wie soll ich eine – mir bestimmt sympathische – aber nicht ausgebildete Mutter in den Physik-Unterricht der Klasse 8 einbinden? Wie einen jungen Mann im FSJ in Chemie-Experimente der Klasse 10? Muss ich jetzt erst den I-Helfern den Ablauf jeder Stunde erklären und womöglich noch Inhalte erläutern? Wer “haftet” am Ende für etwaige Fehler? Was mache ich, wenn der kleine Felix behauptet “Die Frau Hummels hat das aber so erklärt!”? Eltern, die mehr und mehr dazu neigen, Schulnoten mit dem Anwalt zu bekämpfen, wäre das ein willkommenes Fressen.
Dazu kommt: Will ich einen weiteren Helfer sinnvoll in meine Stunden einbinden, muss ich meinen Unterricht entsprechend umplanen. Der I-Helfer soll mich eigentlich entlasten – sorgt dann aber womöglich für mehr Arbeit (genauso wie ein Praktikant im Unterricht mehr Arbeit bedeutet)

Einer der schwierigsten Punkte ist aber jener der Autorität.
Die I-Helfer sind, weil ständig präsent, für die Klasse nahezu unsichtbar. Man kann das mit dem BigBrother-Haus vergleichen: Die ersten zwei Tage reißt man sich noch am Riemen – aber irgendwann popelt man halt doch in der Nase. Man vergisst die Anwesenheit der Kamera bzw. der Erwachsenen im Raum. Wenn die Kinder dann wild zu toben, sich streiten oder irgendwelchen Unsinn treiben, können die I-Helfer kaum einwirken. Sie werden vom Rest der Klasse nicht als Erwachsene wahrgenommen, sondern eher als Mitschüler. Oft werden sie vom Inklusionskind geduzt – was zur Folge hat, dass alle anderen Kinder auch zum “Du” wechseln. Die Grenze zur distanzierten, fremden Respektsperson verwischt – genau das, was mir selbst auch nach der Klassenfahrt passiert ist: Nach einer Woche voller Ausflüge und buntem Krimskrams sprechen mich einige Schüler mit „Du“ an.
Dazu kommt: Ein Schulleiter hat es leichter als ein Lehrer als ein Referendar als ein Praktikant. Inklusionshelfer stehen irgendwo zwischen all diesen Personen. Sie wollen und müssen manchmal eingreifen – müssen dabei aber stets Vorsicht walten lassen: Wenn Felix zu Hause dramatisch erzählt, der I-Helfer vom Jonas habe ihn am Arm gepackt und weggeschleift und angeschrien, dann fragen sich die Eltern von Felix schon, wer das eigentlich ist und mit welcher Befugnis der eigene kleine Prinz angesprochen wird. Insbesondere in der Mittelstufe, wenn alle Kinder ihre Grenzen austesten und Eltern, Lehrer und Verwandte auf eine harte Geduldsprobe stellen, ist das passive Beschauen kindlichen Verhaltens herausfordernd. Wo greift man ein, was ignoriert man. Tritt ein Inklusionshelfer irgendwo parteiisch ein, wird dann womöglich das I-Kind zur Zielscheibe? Für die Inklusionshelfer ist es manchmal ungemein frustrierend, als erwachsener Mensch so wahrgenommen zu werden.

Wie immer hilft hier nur klares Kommunizieren.
Erwartungen, Enttäuschungen und Probleme müssen immer wieder angesprochen werden. Ich habe großen Respekt vor dem Job als Inklusionshelfer und könnte mir nicht vorstellen, das auszuhalten. Insbesondere auf rotzige Art Respektlosigkeiten reagiere ich höchst allergisch.

Ganz wunderbar aus der Sicht einer Inklusionshelferin ist das Ganze übrigens hier beschrieben: http://www.solomama.de/2015/09/warum-der-job-eines-inklusionshelfers.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

9 Gedanken zu “Inklusionshelfer im Unterricht”