Gleichberechtigung

31. Mai 2017 11 Von Jan-Martin Klinge

“9 von 10 Nobelpreisträgern sind Männer. Die Chefs der wichtigsten Firmen sind Männer. Ihr kennt haufenweise Erfinder aber keine Erfinderinnen. Männer haben’s drauf – Frauen leider nicht.” werfe ich einer Klasse an den Kopf. “Eigentlich…”, füge ich herablassend hinzu, “könntet ihr Mädchen auch direkt zu Hause bleiben.”

Ich blicke in erstaunte Gesichter.
Zunächst fragt eine Schülerin mich verunsichert, ob ich das wirklich ernst meinen würde. Wir kennen uns seit sechs Jahren, haben uns gegenseitig immer mal Sprüche gedrückt und mehr als einmal habe ich ihr meine Wertschätzung darüber ausgedrückt, dass sie im Unterricht “unangenehm” sein könne, nicht nachlasse und immer weiterbohre, bis zu zufrieden sei. Das sie (sie!) nochmal nachfragt, ob ich meine, was ich da sage, irritiert mich.

Es dauert einige Zeit, bis erste Argumente kommen, um meine Stammtischparolen zu entkräften. Wir diskutieren, streiten, erzählen. Wir sprechen über Mamakinder und Papakinder, das Aufteilen von Erziehung. Ich frage nach, wie viele Schülerinnen und Schüler für Gleichberechtigung seien (“Alle”) und wie viele bei der Erziehung zukünftiger eigener Kinder eher die Frau im Vordergrund sähen (die meisten). Einige berichten, wie sehr ihre Eltern sie positiv geprägt hätten und lassen mich ein Stück weit teilhaben an ihrem Familienbild. Alle wünschen sich Gleichberechtigung – aber keiner hat ein Problem damit, wenn später die Frau zu Hause bleibt. Auf mein Nachfragen, welcher Junge sich vorstellen könnte, später Elternzeit zu nehmen, meldet sich nur ein einziger.

Gleichberechtigung im 21. Jahrhundert. Wollen die das überhaupt?

Ein Schüler erzählt von Bekannten, die sich auch deshalb getrennt hätten, weil die Frau mehr verdient habe, als der Mann. Welches Jahrhundert nochmal?

Im Gedächtnis geblieben ist mir in dem Zusammenhang der Einwurf einer Schülerin. “Herr Klinge, das Schlimmste ist doch, wenn die Mutter sagt: ‘Warte, bis der Papa kommt. Dann gibt’s Ärger!’ Dieses drohen mit dem Vater – da könnte ich ausrasten.”
Ich stimme ihr zu. Dicht gefolgt von “Warte, bis du in die Schule kommst – da weht ein anderer Wind!” Auch ein schöner Satz.

Wir sprechen über Prägung und Familie. Was wir mitbekommen haben und was wir weitergeben wollen. Welche Prioritäten wir setzen.

Disclaimer:
Abends kämpfe ich bis 21 Uhr mit meiner jüngsten Tochter, die partout entschieden hat, erstens nicht müde zu sein und zweitens die Gute-Nacht-Geschichte blöd zu finden, während meine Frau unterwegs ist und arbeitet.

Übrigens: Wer innerlich längst abgeschaltet hat, weil er fieberhaft nach weiblichen Erfindern sucht – dem sei folgendes Video ans Herz gelegt: