Beratungsgespräche

Beratungsgespräche

“Ich bin auch deswegen Architekt geworden”, erzählt mir ein Freund abends auf einer Feier, “weil mein Lehrer mir damals sagte, das würde ich mit meinen Leistungen niemals schaffen. Ich dachte da: Jetzt erst recht!”

Meine eigene Klasse nähert sich dem letzten halben Schuljahr in der Sekundarstufe 1. Etwa die Hälfte der Schüler wird nach den Sommerferien in die Oberstufe wechseln, ein Viertel wird auf Berufskollegs oder vergleichbare Schulen wechseln, der Rest ins Berufsleben wechseln. Ein großer Teil von ihnen hat eine Ausbildungsstelle direkt in Aussicht oder den Vertrag schon unterschrieben.

In den vergangenen Monaten habe ich unheimlich viele Beratungsgespräche geführt. Meistens, wenn Zukunftsplanung und Notenbild übereinstimmen, sind diese Gespräche sehr kurz – an anderen Stellen sehr ausführlich.

UnbenanntDer Assistenzarzt und Twitterer JoStowasser postete neulich süffisant:

Fast hätte ich den Mathelehrer vergessen, der mich in der 9. Klasse aufgrund schlechter Noten für meinen Berufswunsch “Arzt” aus vollem Herzen auslachte.

Bis er gerade in meine Sprechstunde kam.

Viele tausend zustimmende “Likes” und Dutzende Schimpftiraden über unfaire Lehrer sind ihm sicher.

So leichthin, wie solch ein Tweet rausgehauen wird, ist es in Wirklichkeit aber nicht. Die Oberstufen an Gymnasien und Gesamtschulen sind auch besetzt mit Jugendlichen, die eine “5” nach der nächsten sammeln. Am technischen Berufskolleg hier in Siegen kommen auf zehn erfolgreiche Abiturienten rund siebzig Abbrecher. Die schreiben keine Tweets der Marke “Ach man, zwei verschwendete Lebensjahre.” oder “Hätte ich mal auf meine Lehrer gehört.”

Berate ich Schülerinnen und Schüler hinsichtlich ihrer Zukunft, bin ich sehr vorsichtig in meiner Wortwahl – aber auch sehr deutlich geworden.
Ich möchte bestimmt nicht zu einem jener “Sie haben mir nichts zugetraut”-Lehrer werden, aber ich halte es auch für meine Pflicht, eine realistische Prognose – basierend auf der erbrachten Leistung und meiner Erfahrung – abzugeben. Ich empfinde es als hochgradig fahrlässig, Schülern grundsätzlich das Abitur zu empfehlen.
Wie soll jemand mit schlechten Deutsch-Leistungen später Texte in Erdkunde/Geschichte/Päda/Politik lesen und verstehen? Jemand mit mangelhaften Fähigkeiten in Mathematik wird in der Oberstufe zu kämpfen haben. Wer nur einfache Texte auf Englisch lesen kann und dann zusätzlich eine zweite Fremdsprache aufholen muss. Dazu und in Varianz: Mit welchem Aufwand sind die bisherigen Leistungen erbracht worden? Hat derjenige das aus dem Ärmel geschüttet und könnte locker mehr oder wurde bereits extrem viel Zeit und Arbeit investiert?

Also spreche ich sehr klar. Ich weise auf die vorliegende Arbeit hin und stelle sie in Bezug zu bisher erbrachtem Aufwand und erreichten Leistungen. Ich sage sehr deutlich, dass ich niemandem verbieten kann oder will, das Abitur anzustreben und er oder sie meine volle Unterstützung habe, so er sich dafür entschiede – aber zeige auch vorliegende Anforderungen und Hürden auf. Das ist nicht immer angenehm zu hören. Gleiches geschieht auch in die andere Richtung: Ich habe Gespräche mit Schülern geführt, die sich – aus familiärer Tradition heraus – trotz exzellentem Notenbild nie mit dem Abitur beschäftigt haben. Solche Kinder benötigen dann mal einen Schubs Richtung Oberstufe.

Früher oder später werden auch mir von ehemaligen Schülern solche Fehlprognosen vorgeworfen werden. “Sie haben mir das damals nicht zugetraut.” und “Hätte ich mal…”
Ich weiß das – aber ich weiß auch, dass ich vielen, vielen Schülern die Erfahrung erspare, in der Oberstufe zu scheitern und ein oder zwei Jahre des Lebens zu vergeuden.

Eines aber möchte ich dann doch festhalten: Diese Beratungsgespräche schüttle ich nicht leichtfertig aus dem Ärmel.

3 Replies to “Beratungsgespräche”

  1. Ich kann Ihnen nur zustimmen. Früher dachte ich auch, wenn erfahrenere Kollegen kathegorisch ein „Das wird nichts mehr“ raushauten, dass wir doch alle keine Kristallkugel haben und man dem armen Kind doch nicht seine 2% Wahrscheinlichkeit und alle Hoffnung nehmen kann.
    Inzwischen fürge ich sehr vorsichtig ein, dass natürlich Niemand in die Zukunft sehen kann und man nur von den aktuellen Fakten aus beraten kann. Manchmal auch ein klares: ich kann die Leistungsfähigkeit eines Schülers nicht beurteilen, wenn er keine Leistung erbringt. Da bleibt alles „Hätte hätte Fahradkette“ reine Spekulation.

    Solange der Schüler noch in der aktuellen Stufe ist, darf er gerne das Steuer rumreissen und mich von was auch immer überzeugen (und das haben schon Einige getan um bis zu 4 Noten wenn plötzlich Feuer unterm Hintern brannte). Aber Prognosen macht man auch in der Statistik immer auf dem bisherigen Datenmaterial.

    Und was mich besonders eindrücklich geprägt hat, war das Lesen der Gerichtsprotokolle vom Amoklauf in W. Ich wohnte in W und kannte auch Eine der vielen Nachhilfelehrerinnen, die den Amokläufer durch die Mittlere Reife brachten und daher beschäftigt mich das (da ich auch nur 100m entfernt von der Schule mit dem Auto fuhr, als er die Flucht ergriff und eine Mitfahrgelegenheit suchte…).
    Jedenfalls wurd dort berichtet, dass sein Vater mit ihm die schulpsych. Beratungsstelle aufgesucht hatte. Berater nennen wir ihn X, hatte auch mich und meinen Sohn schon beraten. Hochkompetent und klar in der Ansage. Aus dem Gedächtnis berichtet stand im Gerichtsprotokoll über die Vernehmung von Herrn X, dass der Vater ihn bezüglich des leistungsschwachen Sohnes befragte, wie es denn nun weitergehen solle. Herr X riet eben möglichst sich erst einmal auf die Muttlere Reife zu konzentrieren. Und Der Vater insistierte sehr, wie es denn danach weitergehen könnte. Und Herr X, erwähnte dann alles mögliche, aber eben auch am Rande, dass es natürlich auch möglich sei, nach der mittleren Reife am beruflichen Gymnasium ein Abitur zu machen. Die Lehrer unter uns erkennen daran, die implizierte Einschränkung. Der Weg existiert und damit ist die Wahrscheinlichkeit nicht 0, dass der Sohn ihn gehen könnte, aber für wie wahrscheinlich oder utopisch wir das halten, bleibt ungesagt.

    Der Vater des Amokläufers verstand folgendes: Der Berater Herr X. sagte sein Sohn wäre gymnasial.

    So den Rest kennt man aus der Zeitung.

    Fast den ganzen Rest. Herr X. war dann häufiger in der damaligen Schule meiner Kinder und betreute dort untergebrachte Schüler der Schule, an der der Amoklauf stattgefunden hatte. Er war quasi über Nacht um 20 Jahre gealtert und ich glaube er ist dann sehr sehr früh in Pension gegangen.

    Seitdem bin ich lieber der Lehrer, den man dann widerlegt statt falsche Hoffnungen zu wecken.

    Grüßle
    Coreli.

  2. Sehr verzwickte Thema. Ich wage Prognosen, doch würde ich sie nie beschwören. In beide Richtungen nicht. Meine eigenen Lehrer glaubten damals nicht, dass ich das Abi schaffe. Habe ich, wenn auch nicht berauschend. Meine erste Berufswahl sahen die Lehrer skeptisch. Abschluss mit 2,0 gut gemeistert. Drei Jahre später Lehramtsstudium begonnen und die Examen mit 1 vor dem Komma absolviert. Leider habe ich auch gegenteilige Werdegänge erlebt, weil Lebensereignisse Menschen durch und durch treffen können und völlig aus der Bahn werfen.
    Trotzdem: Empfehlungen sollten wohl ehrlich und respektvoll sein. Dann werden sie oft auch angenommen. Mein eigener Berufsweg ist da zum Glück ein tolles Beispiel, um Eltern zu beruhigen. Auch „dumm“ gehlaubte können studieren….

  3. Mir geht es auch so. Ich arbeite am Gymnasium und führe solche Gespräche mit 8.- und 9.-Klässlern und deren Eltern, die mit 4 bis 10 Mal der Note 5 glauben, sie müssten nur mehr lernen und Gymnasium sei doch die richtige Schulwahl, wenn die Kollegen vermuten, eine Gesamtschle sei erst einmal die bessere Wahl, um wieder Erfolge zu erzielen und Freude am Lernen zu entwickeln.
    Ich versuche dann die bisher erbrachten Leistungen in Kombination mit der aufgebrachten Anstrengung bzw. der gezeigten Anstrengungsbereitschaft – wie ich sie wahrgenommen habe – zu benennen. Dann versuche ich deutlich zu machen, was von einem Abiturienten erwartet wird. Jetzt kommt die Kristallkugel. Die Entscheidung muss der Schüler mit seine Eltern fällen. Ich versuche aufzuzeigen, was nötig ist und weise auf – aus meiner Sicht – realistische Möglichkeiten hin, die auf die Schulgeschchte dieses Schülers gestützt sind.

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