Ein roter Faden

Meine Frau und ich sind bald fünfzehn Jahre verheiratet. Das ist eine unheimlich lange Zeit und es gibt eine Menge Dinge, die uns miteinander verbinden.
Einer jener roten Fäden ist unsere treffsichere Auswahl schlechter Restaurants. Vor vielen Jahren überzeugte überredete meine Frau mich, indisch essen zu gehen. „In Berlin gibt es soooo tolle Inder! Ich habe das geliebt!“ 

Nun, das indische Restaurant in Tübingen war schlecht. Es war sogar so schlecht, dass wir nach dem ersten Bissen einen familiären Notfall vortäuschten, uns das Essen einpacken ließen und es sofort draußen in der nächsten Gefahrstoffdeponie dem nächsten Mülleimer entsorgten.
Seitdem müht sich meine Frau um eine zweite Chance – aber ich bin fertig mit indischem Essen. Für immer.

In Italien dagegen, insbesondere in Rom, da gibt es keine schlechten italienischen Restaurants. Gar keine.

Wir haben den Tag genossen und sind viel, sehr sehr viel spaziert. Den Sonnenaufgang über den Dächern der Stadt genossen. Berühmte Brunnen angesehen und viele katholische Kirchen eingeatmet. Obwohl ich vom Verstand her Protestant bin, kann ich mich dem Zauber des Katholizismus nicht ganz entziehen. Je wuchtiger, je gewaltiger die Kirchenmauern rechts und links von mir aufragen, je leidender und drohender die Heiligenfiguren von ihren Säulen auf mich herabstarren, desto beeindruckender. Ich genieße es sehr.
Nachmittags haben wir den Petersdom angesehen und sind viele hundert Stufen auf die Kuppel gestiegen. Innen dann der Blick in den Dom, außen anschließend die Aussicht auf ganz Rom. Sehr beeindruckend. In einem Souvenirshop einen Rosenkranz gekauft („Ist gesegnet! Sehr heilig!“) von dem ich mir nicht weniger als gewaltige Wunderdinge erwarte.

Das beste aber ist der blaue Himmel. Das beste ist die Sonne. Das beste ist die Wärme. Ich habe nach all den Monaten völlig vergessen, wie sich Sommer anfühlt. Es ist herrlich und zurück im tristen, grauen Deutschland werde ich euch die frohe Botschaft verkünden: „Siehe, ich habe sie gesehen! Die Sonne. Und sie kommt bald!“

Abends dann, zum feierlichen Abschluss dieses Tages (und Geburtstages meiner Frau) sind wir im Dunkeln durch die Straßen geschlendert und haben uns das schnuckeligste, süßeste und romantischste Restaurant ausgesucht, das wir finden konnten. Die Karte war vielversprechend, die Kellner wahnsinnig nett, die Einrichtung zauberhaft und die Küche entsetzlich. So richtig, richtig entsetzlich. Eine Mischung aus geschmacklos, in Öl ertränkt und (das Lamm meiner Frau) mit Knochensplittern durchsetzt. Ein weiteres schlechtes Restaurant in der Liste.

Ein roter Faden. Einer von vielen, die uns aneinanderknüpfen.

Jetzt ist es abends und wir liegen mit flauem Magen und wunden Füßen im Bett. Mehr Glück morgen.

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