Doppelleben

Doppelleben

4. Juli 2018 1 Von Jan-Martin Klinge

Im Augenblick führe ich ein Doppelleben: Vormittags bin ich, erfahren, souverän und allwissend an meiner alten Schule – nachmittags dagegen, unwissend umherstolpernd wie ein Anfänger, an meiner neuen Schule.
Montag habe ich nicht nur meine neue Co-Klassenlehrerin kennengelernt, sondern direkt das ganze Kollegium. Viele Hände geschüttelt, viele Namen gelernt – die meisten wieder vergessen. Ich bräuchte wirklich so Vokabelkärtchen mit Foto, Name und Fächerkombination.
Inzwischen bin ich nicht mehr nur in der Whatsappgruppe meines alten Lehrerkollegiums sondern auch in der meines neuen. Ich fühle mich schuldig. Als hätte ich eine Affaire. Als wäre die Scheidung noch nicht ganz vollzogen aber ich würde der neuen Braut schon schöne Augen machen. Lächerlich. Und wie bei einer Liaison lese ich die eine Gruppe nur dann, wenn die andere gerade nicht hinschaut. Kurz habe ich erwogen, mir ein zweites Handy zuzulegen, damit die beiden nichts voneinander erfahren.

Heute wurden die zukünftigen Fünftklässler eingeführt und ich habe meine neue Klasse kennengelernt. Hach. Wie ich diesen Beruf liebe. Die Kleinen duzen noch („Wie groß bist duhu?“) und erzählen alles ganz detailiert („Eine Schere muss ich nicht kaufen, denn ich habe eine zuhause. Die ist lila mit kleinen rosa Punkten drauf und hat vorher meiner Schwester gehört.“). Neben dem Organisatorischen („Dieser Zettel ist wichtig! Und der nächste ist auch ganz wichtig! Und der dritte und vierte auch!“) haben wir ein paar Kennenlernspiele gespielt und uns kurz darüber unterhalten, was sie sich von ihrer neuen Schule erhoffen.

Ganz am Schluss habe ich meinen neuen Schülerinnen und Schülern eine Hausaufgabe aufgegeben. Eigentlich drei Hausaufgaben und unter großem Gestöhne habe ich angemerkt, dass ich nach den Ferien genau nachprüfen werde, wer sie erledigt habe:

  1. Klettere auf einen Baum.
  2. Lies ein schönes Buch.
  3. Tue jemandem etwas Gutes.

Ich freue mich auf die Zeit!