Liebe braucht keine Ferien

Liebe braucht keine Ferien

Heute war mein letzter Schultag an alter Wirkungsstätte.
Morgens noch ein paar Zeugnisse gestempelt und unterschrieben und mich von einigen Kollegen endgültig verabschiedet. Die meisten waren wegen des Siegener Stadt-Laufs mit allen Schülern außer Haus, so dass ich etwas wehmütig durch die leeren Gänge streifen konnte. Alle Schlüssel abgegeben. Beim Hausmeister und im Sekretariat verabschiedet. (Ich glaube ja, so wie die Krankenschwestern auf jeder Station letztlich in ihrer Bedeutung nicht überschätzt werden können, hat auch ein Schulsekretariat erheblichen Einfluss auf das Gelingen einer Schule.)

Ein letztes kurzes Gespräch mit meinem Schulleiter geführt und mich für sehr viel Unterstützung und Freiraum bedankt. Ich blicke auf die vergangenen sechs Jahre extrem positiv zurück.

Nachmittags noch Übergabekonferenzen an meiner neuen Schule. Mit jedem Besuch und jedem neuen Namen, den ich lerne, steigt meine Vorfreude. Diese Zeit wird ganz großartig und es gibt auch keine Alternative dazu.

Abends dann in einem Lokal die Verabschiedung eines langjährigen, überaus wertgeschätzten Kollegen. Bei einem guten Wein unter freiem Himmel die Zeit ausklingen lassen – das hatte ich mir ganz zauberhaft vorgestellt. Bis zu dem Moment, da ich mein neues Kollegium im gleichen Gasthaus entdeckte. Ab da sollte es abwärts gehen.

„Alles gut, Jan?“, fragt mich Mark, „du bist so still?!“ „Du solltest noch was trinken“, meint Phil und schiebt mir ein Glas hin. Schnappatmung!

„Alles cool!“, gebe ich mich betont lässig und täusche eine Blasenschwäche vor. Ich gehe umständliche Umwege, quetsche mich an Tischen und Sträuchern vorbei (damit niemand merkt, wo ich herkomme) und tauche bei meiner neuen Liebe meinem neuen Kollegium auf. „Ach, schau! Schön, dass du da bist, Jan!“

Ich freue mich aufrichtig und bekomme ein Glas gereicht. Geplaudert, vergessene Namen neu gelernt. Blasenschwäche vorgetäuscht. Schnell wieder zurück zum alten Kreis gehastet!

Nach dem zweiten Wechsel wird mir Granufink empfohlen. Von meinem alten Kollegium. Das Neue legt mir dagegen Prostagutt forte ans Herz. „Weniger müssen müssen“, grinst man mir zunächst hämisch entgegen. Ab dem dritten Wechsel macht man sich ernsthaft Sorgen. Im alten Kollegium ist man ab dem Punkt dankbar, die Krücke rechtzeitig losgeworden zu sein und im neuen fragt man sich nun, was man sich da für eine Pfeife angelacht hat.

Am Ende habe ich doppelt soviel getrunken, doppelt soviel gegessen und doppelt soviel gelogen wie eigentlich angedacht. Aber ich konnte auch meine (auswendig gelernten und vor dem Spiegel mühsam erprobten) lustigen Witze zweimal erzählen, also hat sich der Aufwand gelohnt.

Ich zeige beiden Kollegien meine Liebe und scheitere fürchterlich. Wunder was! Als Physiklehrer bin ich kaum zu einer einzigen sozialen Bindung fähig – geschweige denn die Romanze mit einem ganzen Kollegium geheimzuhalten. Immerhin die mangelnde körperliche Belastbarkeit hat man mir als Naturwissenschaftler zugetraut.

Am Abend gehe ich trotzdem glücklich und mit der Gewissheit heim: Liebe braucht keine Ferien!

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