Rahrbach (1)

Rahrbach (1)

Klassenfahrten gehören zu den anstrengenderen Teilen des Lehrerberufs. Es ist ein bisschen, wie ein tagelanger Kindergeburtstag. Nur ohne Geschenke. Und ohne Kuchen. Und ohne Ende.
Mit dreißig energiegeladenen Kindern zu verreisen, ist jedes Mal eine Herausforderung.

Zumindest der Start heute war sehr entspannt.

Alle Kinder waren frühzeitig am Bahnhof und alle hatten ihre Krankenkarten dabei. Zahlreiche, blendend gelaunte Eltern die uns Lehrern eine „schöne Zeit“ wünschten und begeisterte Schülerinnen und Schüler, die aufgeregt dem Abenteuer entgegenblickten.

Nach einer Zugfahrt folgte zunächst eine halbstündige Wanderung zur Jugendherberge in Rahrbach. Im Sauerland kann man ganz wunderbar laufen und wäre es nach mir gegangen, hätten wir auch einige Kilometer mehr abgespult.
Vor und nach dem Mittagessen Organisatorisches. Wie immer in großen Gruppen müssen Abläufe abgesprochen werden. Zum Buffet gehen wir tischweise, es wird „Bitte“ und „Danke“ zum Personal gesagt. Vieles klappt – anderes muss geübt werden.

Vor dem Nachmittagsprogramm besichtige ich die kleine Kapelle im Haus. Ein Moment andächtiger Stille. Der erste an diesem Tag. Es sollte auch der einzige bleiben.

Nachmittags wechseln sich erlebnispädagogische Spiele und Freizeit ab.
Dabei lassen sich die immer gleichen Muster beobachten: Eine einfache Aufgabe wird nicht ernst genommen und die Schüler scheitern. Das erzeugt Frust und im entstandenen Lärm versucht jeder jeden zu übertönen. Dann finden alle das Spiel blöd. Dann wird es leiser. Jemand hat eine Idee für eine Lösung. Am Ende wird das Ziel erreicht und „eigentlich war es ja ganz einfach.“ Hilfreich ist manchmal, die Übungen zunächst in geschlechtshomogenen Gruppen durchzuführen. Tendenziell zeigen sich die Mädchen kooperativer.

Beim Abendessen ist der Lautstärkepegel zunächst deutlich niedriger. Die Schüler bedanken sich und nehmen Rücksicht auf andere Gäste – Details, die wir am Lehrertisch wohlwollend zu Kenntnis nehmen. Doch irgendwann kippt die Stimmung. „Herr Klinge“, steht Sandro keuchend vor mir, „von draußen filmt uns jemand mit einer Kamera! Ich habe genau das rote Licht gesehen!“
Andere bestätigen das. Jemand hat angeblich jemanden draußen laufen sehen. Und plötzlich, binnen weniger Augenblicke, bricht ein absurd anmutender Hype aus. Irgendwer hat von Killerclowns gehört, die hier im Wald leben (sic!). Zwei Jungs weinen und in ihrer Hysterie stecken sich alle Kinder gegenseitig an. Es wird nicht Wahrheit und Fiktion vermischt – es gibt nur noch Fiktion. Einige Kinder sitzen in der Kapelle und beten. Es ist, wie in einem schlechten Film.
Es hilft nur rabiater Zimmerarrest und dann schrittweises Arbeiten. Nach zwanzig Minuten sind die Gemüter beruhigt. Der Verbrecher mit der Videokamera entpuppt sich als weit entferntes Windrad. Draußen ist überhaupt niemand langgelaufen. Erst recht niemand mit Maske. Und natürlich auch kein Clown. Letztlich entschließen sich einige sogar, mit mir und unserer Sozialarbeiterin eine kleine Nachtwanderung zu unternehmen.
Im Wald ist es tatsächlich völlig stockdunkel. Im Schein meiner Handytaschenlampe stolpern wir vorwärts und ich lasse es mir nicht nehmen, ständig von fiktiven Geräuschen zu sprechen und Klamauk zu betreiben. Je länger wir laufen, desto entspannter werden die Kinder und laufen immer wieder mal ins Dunkel davon, um anschließend kreischend aus einem Busch zu springen. Ich kann gar nichts erkennen, aber meine Kollegin scheint die Augen und den Orientierungssinn einer Katze zu haben. Zielsicher führt sie uns über Weiden und durch wildes Geäst. Die Stimmung ist gut. Bis… ja, bis ich ein Gruppenfoto schieße, auf dem wir eine gruselige Gestalt entdecken (rechts im Bild, das Mädchen im weißen Kleid und den schwarzen, langen Haaren). „Das ist eindeutig der Geist eines Mädchens!“ „Das ist doch gefaked, Herr Klinge!“
Aber ganz sicher sind sie nicht.

Am späten Abend gibt es noch Stockbrot am Lagerfeuer bei entspannter Musik. Die Kinder sind einigermaßen durch. Mein Schrittzähler zeigt mir knapp 21.000 Schritte an. Klassenfahrten sind Knochenarbeit. Ich will nur noch Ruhe.

Die letzten Stunden des Tages verbringe ich auf einem hölzernen Stuhl im Gang und scheuche mit mahnendem Blick konsequent all jene zurück in ihre Zimmer, die immer wieder ihre Nasen aus den Türen strecken.

Tag eins ist geschafft. Bleiben noch zwei.

PS: Tradition auf Klassenfahrten: Das Bett ist zu kurz und hat ein geschlossenes Ende. Ich werde wohl auf dem Boden schlafen.

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