Noten-Diskussion.

Bob Blume folgt auf seinem Blog einer Twitter-Diskussion mit der Überschrift: „Schafft die Noten ab!
Mit knapp 140.000 Aufrufen einer der meistgelesenen Artikel dieses Blogs trägt den Titel „Notenschlüssel“ und vereint 114 teils emotionale Kommentare. Auch in meiner Reihe „Schule im Schaubild“ habe ich den Schulnoten einen satirischen Beitrag gewidmet:

Noten erhitzen die Gemüter und es lässt sich leicht bei einem Glas Rotwein über den Sinn und Unsinn von Noten diskutieren, wenn man davon nicht mehr betroffen ist. Wenn man raus ist. Oder wenn man gut genug ist.

Ich bin mir der Selektionsfunktion von Schulnoten wohlbewusst. Ich weiß auch um die Dramen, die sich in Familien abspielen. Nicht zuletzt, weil ich früher selbst mehr schlecht als recht durch die Fremdsprachen gestolpert bin. Meine beste Note in Englisch war ein „befriedigend“ – ziemlich schnell ging es nur noch um die Frage, ob ich mich durch mündliche Beiträge auf ein „ausreichend“ würde retten können. Französisch war eine noch größere Katastrophe. Das gab zu Hause nicht nur Beifall.

Betrachten wir – skizzenhaft – das Abitur, jene große Prüfung die einen jungen Erwachsenen dazu befähigt, an die Universität zu gehen:

„Wir sperren einen Menschen mit Papier und Bleistift und einem „Problem“ in einen geschlossenen Raum. Ohne Kontakt zur Außenwelt, ohne die Möglichkeit, etwas nachzuschlagen oder sich mit Experten auszutauschen. Und dann soll er dieses Problem innerhalb von drei Stunden lösen.“

Wir weltfremd ist das? Wann in meinem Berufsleben komme ich je in diese Situation?
Die von Blume erwähnte Projektarbeit der Waldorfschule ist mir da grundsympathisch: Sich wochenlang intensiv mit einem Projekt auseinanderzusetzen, es zu erforschen und von vielen Seiten zu beleuchten. Das finde ich großartig! Wiewohl ich das allermeiste aus meiner eigenen Schulzeit vergessen habe – an die Projektwoche in der 9. oder 10. Klasse kann ich mich noch lebhaft erinnern.

Trotzdem empfinde ich Schulnoten in meiner Lebenswelt als weit weniger problematisch. Noten werden von mir auch nicht einfach verteilt – wann immer möglich frage ich die Schüler zuerst, welche Note sie als gerecht empfänden. Dabei passiert es schonmal, dass ich Schüler anders einschätze und sie mir (wie bei Blume erwähnt) argumentativ entgegensetzen, weshalb sie aus diesen und jenen Gründen doch diese Note verdient hätten. Wir sind im Gespräch und können Irritationen ausräumen. Noten werden in meinem Unterricht – so hoffe ich – als Konsequenz des eigenen Handelns begriffen. Ich versuche mich als Person da völlig rauszunehmen.
Und als solche halte ich sie für eminent wichtig: Wir wollen nun einmal alle vergleichen. Bei Amazon schielen wir auf die Sterne-Bewertung und wenn ich einen Handwerker engagiere, der bei Google nur negative Rezensionen hat, suche ich mir einen anderen. Ein halbwegs vergleichbares Feedback ist wichtig denn, ja, am Ende ist halt doch irgendwo entscheidend, was bei rauskommt. Schraubt mir der KFZ-Mechatroniker die Reifen falsch herum ans Auto, hat er vielleicht „im Rahmen seiner Möglichkeiten das Beste getan“ – aber das genügt mir nicht (übrigens: Schon erlebt!).

Ich stimme Blume schlussendlich zu: Weg mit den Noten! Ich träume von einer Schule, in der die Kinder aus Lust und Freude sitzen und Bock haben, Neues zu lernen. Aber bis es soweit ist, mache ich aus Noten das Beste: Ein emotionsloses Feedback-Instrument, welches jedem Kind widerspiegelt, inwieweit es den Anforderungen des Kurses gerecht geworden ist.

(Von Berichtszeugnissen halte ich übrigens gar nichts: Weil wir in einer juristischen Zeit leben, da jede Entscheidung rechtlich abgesichert sein muss, kann ich nicht schreiben wie ich spreche: „Jonathan muss mal seinen faulen Hintern hochbekommen!“ und „Lisa muss sich mehr anstrengen“ würde ich im Gespräch formulieren, wohlwissend, dass der eine eine klare Ansage benötigt und die andere vielleicht ein Sensibelchen ist. Im schriftlichen Vergleich würde mir das um die Ohren gehauen – also muss ich zu standardisierten Floskeln greifen. Vergleichbar mit Arbeitgeberzeugnissen. Letztlich tausche ich nur den Sprach-Code aus. Statt „Betragen 4“ heißt es „hat stets für gute Laune gesorgt“ und an die Stelle von Englisch „mangelhaft“ lese ich „hat sich stets bemüht“.
Dazu kommt, dass Eltern, die diesen Sprachcode nicht entschlüsseln können, mit Berichtszeugnissen in falscher, wohlformulierter Sicherheit gewogen werden können. Ist in jeder Grundschule zu beobachten.)

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