„Digitalisierung im Mathematikunterricht“

„Digitalisierung im Mathematikunterricht“

16. Februar 2019 0 Von Jan-Martin Klinge

Aus der großen Stadt Berlin kommend, sitze ich wieder im Zug in Richtung Heimatdorf. Richtung Garten. Richtung Hühnerhaus. Unser Dorf ist so klein, dass es keine einzige Ampel gibt und der örtliche Kinderarzt hier wirklich jedes Kind kennt. Der Kontrast könnte nicht größer sein und manche Blogartikel schreibe ich einfach gegen mein eigenes Vergessen.
Vor rund einem halben Jahr erhielt ich die Einladung des Cornelsen-Verlages, an einem nationalen Mathematik-Kongress in Berlin teilzunehmen. Thema (na klar): „Digitalisierung im Mathematikunterricht“. Da wir uns als Schule gerade mit Riesenschritten in genau diese Richtung aufmachen, barg die Einladung das Potential, vielversprechend zu werden.

Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich in den letzten Tagen doch etwas nervös war. Als „Mathematiker“ betrachte ich mich gar nicht. Ich bin mehr so ein Wald-und-Wiesen-Halodri. Würden die richtigen Mathematiker mich sofort als Scharlatan bemerken? In Angstschweiß gebadet nutzte ich die lange Zugfahrt, um ein Youtube-Mathe-Video nach dem anderen im Schnelldurchgang durchzupauken. Zwischendurch drohte ich den Verstand zu verlieren, als mir der Unterschied zwischen einer zyklischen Gruppe mit Normalteilern und einer symmetrischen Gruppe als semidirektes Produkt nicht klar wurde. Nicht mal Daniel Jung kann mir jetzt helfen.
Tatsächlich hatte Cornelsen ein buntes Potpourri an Leuten eingeladen: Leute von der Uni, aus dem ZfsL und auch jede Menge Lehrer. Das fand ich schön, weil praxisnah.
In großen, mir unbekannten Menschenansammlungen spüre ich dezent autistische Züge an mir: Am liebsten verkrieche ich mich irgendwo an die Seite und betrachte die Zimmerpflanzen so interessiert, als hätte ich in meinem ganzen Leben noch nie eine gesehen. Weil ich aber ungefähr doppelt so groß bin wie alle anderen Teilnehmer, falle ich dadurch nur noch mehr auf. Die ersten Anbiederungsversuche („Na, findest du nicht auch, dass zyklische Gruppen ein anderes semidirektes Produkt verdient hätten, als das von Schur-Zassenhaus?“) kamen aber nicht so gut an. Verlegenes Hüsteln. Ich bin halt doch kein echter Mathematiker.
Wunderbarerweise traf ich einen alten Freund aus dem Referendariat wieder und das erleichterte mir den Einstieg enorm.
Nach der offiziellen Begrüßung und einer kleinen Podiumsdiskussion wurde vorsichtig formuliert, was Cornelsen intendiert: Ihnen sei klar, dass das Geschäft mit den Schulbüchern nicht mehr ewig so weiterginge. Sie wollten hinhören, spüren in welche Richtung sich die Bildung bewege. Die ganze Veranstaltung war methodisch clever aufgebaut und ich hatte das Gefühl, im gleichen Maße selbst zu lernen wie auch den Verlag mit meinen Ideen zu füttern. Der Austausch mit anderen Kolleginnen und Kollegen ist aber eigentlich immer aufregend.

Weil ich in Hotels eher schlecht schlafe, habe ich weite Teile der Nacht zum Arbeiten genutzt und einen frühmorgendlichen Spaziergang durch Berlin eingepflegt. Dabei über vieles nachgedacht, was ich so gehört habe und ein paar zukünftige Projekte angedacht. (Ich erwähnte es schonmal – aber ich komme nicht hinterher mit all den aufregenden Dingen, die ich machen will!)

Samstags zunächst dann ein interessanter Vortrag über die Symbiose von digitalen und analogen Werkzeugen im Mathematikunterricht mit anschaulichen Problemen von Schülern und Studenten. Anschließend zwei Workshops zum Funktionsbegriff und dem Vergleich von analogen und digitalen Darstellungsformen mathematischer Inhalte. Zwischendurch immer wieder Gespräche und Austausch mit Kollegen, ein klein wenig Einblick in die Arbeit des Verlags bekommen.

Letztlich bleibt aber bei mir dann doch die Frage nach dem „Was hast du nun genau mitgenommen?“ und „Welche Auswirkungen hat das Wochenende auf den nächsten Arbeitstag?“
Ehrlicherweise fällt die Antwort darauf eher so mittelprächtig aus. Eine solche Konferenz anzustoßen ist grundsätzlich ein sehr guter Gedanke. Kreative und engagierte Leute zusammenzubringen ebenso. Rückblickend stelle ich aber fest, dass mich die Workshops an meine Arbeit im Kompetenzteam erinnert haben: Viele Gedanken machen über diese und jene Darstellungsform, die Ergebnisse empirischer Studien zu bestimmten Vorgehen. Weil ich in meinem Unterricht zu 90% offenen Unterricht propagiere mit extrem hohem Anteil an Übungszeit, tangieren mich viele dieser Dinge gar nicht. Ich bemerke hier bei mir selbst eine (erschreckende!) Unflexibilität, mich mit anderen Unterrichtsformen auseinanderzusetzen. Konkret: Die Arbeit mit Lerntheken hat sich in allen Klassen und Stufen als so extrem effizient und von den Schülern gewünscht erwiesen, dass ich keine Gedanken mehr daran verschwenden möchte, wie ich in mehreren Schulstunden didaktisch durchdacht die Bruchrechnung einführen könnte. Ich mache ja kaum noch Frontalunterricht. Ich folge dabei jener Maxime, die Axel Krommer kritisch als „Nike-Didaktik“ bezeichnet („Just do it!„) und die bei mir einher geht mit dem Pareto-Prinzip.
Das Schreiben von ellenlangen Konzepten, das stundenlange Diskutieren, ob nun im Rahmen der Algebra die Begriffe „gleichwertig“ und „gleich“ das Gleiche sind oder was nun mathematisch korrekter und für die Schüler hilfreicher ist.. das kann ich mal für einen Nachmittag machen – aber langfristig ist das einfach nicht mein Ding.

Diese Arbeit kostet einfach enorm viel Zeit.

Zeit, die ich besser in das Erstellen von individualisiertem Unterrichtsmaterial stecke. Zeit, die ich besser in meine eigene Gesundheit stecke. Mein Arbeiten ist wild und kreativ und chaotisch und experimentell – das lässt sich schwer mit einer verbindlichen Netzwerkarbeit verknüpfen, die ja gewisse Denkarbeit, Papierarbeit, viel korrektes Formulieren und Beachten von Vorschriften erfordert.

tl;dr

Die Konferenz hat mir ein paar interessante Einblicke geliefert und ich habe viele spannende Gespräche geführt. Am Ende habe ich aber weniger gelernt, als erhofft und hätte mir gewünscht, dass man das KnowHow der Anwesenden besser genutzt hätte, z.B. in Form eines BarCamps.