Didacta

Didacta

„Hast du heute was schönes erlebt?“, frage ich meine Tochter während ich ihr die Zähne putze. Sie nickt. „Nicht bewegen!“, schimpfe ich theatralisch und schrubbe weiter. „Was hast du denn heute gespielt?“ Sie gurgelt etwas. „Nicht sprechen!“, schimpfe ich und als sie lacht: „Nicht lachen!“.

Ziemlich genau neun Jahre ist es her, dass ich als kleiner Junge vom Dorf das erste Mal auf die Bildungsmesse Didacta gereist bin. Als Lehramtsanwärter bin ich mit großen Augen neben 100.000 anderen Besuchern durch die Messe gestolpert – gerade frisch im Beruf und ohne viel Sinn und Verstand. Meine älteste Tochter war damals vier Jahre alt und ganz wunderbar.

Dieses Wochenende war ich also erneut auf der Didacta. Ein großer Junge vorm Dorf, nicht mehr so frisch im Beruf aber immer noch ohne viel Verstand. Diesmal nicht zum Staunen, sondern als Referent, als Speaker.
Microsoft hat mich eingeladen, etwas über meine Erfahrung im Schulalltag mit OneNote zu erzählen. Mich? Mich?? Ich bin immer noch und immer wieder erstaunt. Albert Einstein sagte mal etwas wie es gäbe zwei Arten zu Leben: Entweder betrachte man nichts als Wunder oder man würde alles als Wunder ansehen.
Ich gehöre ganz sicher zur letzteren Kategorie. Es ist ein Geschenk, Lehrer sein zu dürfen, kreativ arbeiten zu dürfen, sich mit so vielen Menschen austauschen zu dürfen. Zur Unterrichtsvorbereitung nutze ich OneNote seit Studientagen und an meiner Schule auch intensiv zur Organisation von Schule. Das ist herausragend praktisch und spart uns in der Praxis wahnsinnig viel Zeit und ich durfte auf der größten Bildungsmesse Europas was darüber erzählen?! Wahnsinn!

Nach langem Schul- und Konferenznachmittag ging es Freitag in aller Eile gut los. Gehetzt kam ich am Bahnhof an, war in Gedanken schon bei meinem Vortrag und stieg prompt in den falschen Zug. Ich meine: Ich komme vom Dorf. Wir haben nur ein Gleis. Das ist nicht so richtig kompliziert. Wissen die, wen die da eingeladen haben?, fragte ich mich nicht zum ersten Mal an diesem Tag.
Als ich spät auf dem Messegelände ankomme, fragen mich die Pförtner, ob ich wirklich noch hinein wolle und sehen mich skeptisch an. Und endlich, nachdem ich Halle und Stand gefunden habe, treffe ich Stefan Malter wieder und es gibt so Menschen, mit denen setzt man auch nach Monaten ein Gespräch einfach nahtlos da fort, wo man zuletzt aufgehört hat. Ganz viel Liebe!

Bei allem Spaß am Herumreisen und Vorträge halten und Workshops gestalten – solche Einladungen ehren mich sehr, bedeuten aber auch maximalen Stress. An diesem Abend besichtige ich Vortragsort und spiele die Technik durch. Im Schnelldurchlauf hetze ich probehalber durch meinen Vortrag und schaue, ob man alle Folien lesen kann und tausend weitere Kleinigkeiten. #Tunnelblick. Vom Rest der Didacta sehe ich nichts.
Abends dann spontanes Essen-gehen mit vielen #Twitter-Kollegen. Aber auch das kann ich nur halb genießen – diese Art Anspannung führt dazu, dass ich nichts essen kann. Nach einem netten Abend verabschiede ich mich etwas früher, als es die Etikette erlaubt (aber im #Twitterlehrerzimmer sitze ich sowieso eher unscheinbar am Rand) und gehe bis tief in die Nacht meinen Vortrag nochmal durch. Und nochmal. Ich missbrauche den Fernseher des Hotels als Projektionsfläche und lerne die Folien auswendig. Tunnelblick. Wie beim Staatsexamen.
Das hört sich sicher völlig absurd und übertrieben an – aber ich kann da nicht anders. Wenn man mich schon einlädt, dann muss das am Ende auch wirklich gut sein. Dumme Fehler, die auf schlechte Vorbereitung zurückzuführen sind, verzeihe ich mir nicht.

Den Samstag verbringe ich im Wechsel von völliger Apathie und Fokussierung auf meine Arbeit und unglaublich netten, aufheiternden Gesprächen mit vielen Kollegen und alten Bekannten. Wie jedesmal viel gelernt, neue Einblicke gewonnen und zwischendurch auch einfach mal unverbindlich geplauscht. Von der Didacta bekomme ich ansonsten wirklich gar nichts mit – die Vielzahl an Eindrücken würden mich völlig überfordern und mich in erster Linie ablenken. Ich bin vermutlich die ganze Zeit über ein schlechter Gesprächspartner gewesen – immer in Erwartung, dass mich jemand von hinten greift und sagt: „Tut uns leid, Herr Klinge, aber das ist wohl ein Missverständnis! Wir hörten, sie können nichtmal alleine bahnfahren?!“
Lichtblick heute war der Plausch mit Sebastian Schmidt und Florian Nigl, die mir lachend sagten, es ginge ihnen oft ähnlich. Die Austausch mit Leuten, die selbst experimentieren, forschen, ihren eigenen Unterricht immer wieder überarbeiten und verändern und dabei grundsätzlich Lust auf Unterricht verströmen und anderen Mut machen – das tut einfach gut.
Ich glaube, meine Vorträge liefen letztlich prima – aber ich weiß, dass man das als Akteur nur sehr schlecht beurteilen kann. Ich habe schon oft in grottigen Vorträgen gesessen, mich mit meinen Nachbarn gelangweilt und hinterher von Seiten der Referenten gehört „Man, ich bin total zufrieden! Alle haben so konzentriert zugehört!“
Ich zweifle da an meinem eigenen Urteil. Zumindest war die Bude gerammelt voll, es wurden im Nachgang sehr viele Fragen gestellt und ich habe einige nette Worte gehört.  Inhaltlich habe ich einfach nur erzählt, wie ich arbeite. Nichts, was nicht auch seit Jahren hier im Blog stünde. Stefan Malter hat das ganze aber auch sagenhaft anmoderiert. „In drei Minuten geht es hier los! Und hier vorne sind noch zwei freie Plätze!“ Einmal mehr von ihm ganz viel über Moderation, Journalismus und Medien gelernt. Zum niederknien und nicht in Worte zu kleiden!

Abends im Zug bin ich wirklich platt. Und dann auch hungrig. Als ich zu Hause ankomme, werfe ich die Tasche in die Ecke und widme mich zuerst meiner jüngsten Tochter. „Hast du heute was schönes erlebt?“, frage ich meine Tochter während ich ihr die Zähne putze. Sie nickt. „Nicht bewegen!“, schimpfe ich theatralisch und schrubbe weiter. „Was hast du denn heute gespielt?“ Sie gurgelt etwas. „Nicht sprechen!“, schimpfe ich und als sie lacht: „Nicht lachen!“. So geht das hin und her.

Inzwischen ist sie vier Jahre alt. Die Zeit rast. Mir tut jeder Abend weh, den ich nicht zu Hause verbringen kann. Die vergangenen Wochen waren irre intensiv. Aber jetzt ist es angebracht, etwas zurückzuschalten. Wieder mehr den Fokus auf die Dinge zu legen, die mir wirklich wichtig sind.

Gute Nacht, ihr Lieben!

Es war mir eine Freude!


Disclaimer: Ich arbeite nicht für Microsoft. Mein Vortrag war ein reiner Erfahrungsbericht, der in dieser Form auch seit Jahren (der älteste ist nun fast 10 Jahre alt!) auf diesem Blog und vielen anderen Blogs zu finden ist.

12 Replies to “Didacta”

  1. Jetzt bin von der Schilderung doch etwas irritiert. Weniger von der Aufregung vor öffentlichen Auftritten. Das kann ich gut nachvollziehen :-).

    Aber die Frage:
    „Wissen die, wen die da eingeladen haben?“

    Natürlich weiß Microsoft, wen sie da eingeladen haben:
    Jan-Martin Klinge
    – seit 2015 Mitglied des Microsoft Innovative Educator Programm (MIE Expert)
    – seit 2016 MIE Surface Expert
    – 2016 Referent auf dem Educator Exchange Event (E²), in Budapest
    – Lehrer an einer deutschen „Microsoft Showcase School“

    Da bin ich überhaupt nicht verwundert, dass Microsoft so einen Vorzeige-MIEE einlädt. Mich wundert eher die Darstellung, dass Dich das verwundert. Oder übersehe ich etwas?

    1. Ich weiß, dass du das sehr, sehr kritisch siehst und das sei dir unbenommen.
      Ich kann mir vorstellen, dass dein Bild von „MIE“ durch etwas verzerrt ist. Ich habe weder regelmäßig Kontakt mit Microsoft oder bin für die angestellt oder werde irgendwie in meiner Arbeit beeinflusst. Als Schule diskutieren wir gerade über die Einführung von Chromebooks, iPads oder Surfaces und das machen wir genauso offen und kritisch wie das jede andere Schule auch tut: Was ist am besten für die Schüler?
      Ich bin in genau gleichem Maß Mitglied in Arbeitsgruppen für Cornelsen, habe mit Klett und dem Raabe-Verlag und auch Christiani zusammengearbeitetet. Auch die dürfen mir ihre Bücher anpreisen und auch bei ihnen bleibe ich ein kritisch denkender Mensch.

      Meine Verwunderung, überhaupt wahrgenommen zu werden, hat etwas mit Demut zu tun.

      1. Kannst du erläutern, warum Du dann diese titel trägst ubd warum sich eine Schule zur „Microsoft Showcase Schule“ erklären lässt.
        Spätestens bei solchen Messeveranstaltungen sollte doch der Marketinganteil deutlich werden.

        Es geht ja auch nur zu einem Teil darum, dass Du irgendwie gebrainwashed wärst oder würdest. Aber mit solchen Titeln von LehrerInnen und Schulen entsteht ja eine Außenwirkung auf Dritte – die wahrscheinlich auch intendiert ist. Um die Unabhängigkeit des Schulsystems und der Beamten zu waren, heißt es aber in den meisten Regelungen dazu, dass bereits der Anschein für Dritte vermieden werden soll.

        Verkürzt: Bist Du womöglich schon gar nicht mehr das Ziel des Marketings – sondern bereits Teil davon?

        1. Ich „trage“ den Titel nicht und führe ihn weder auf dem Klingelschild noch meinen E-Mails, sondern ausschließlich hier in meiner Vita. Und da steht er neben meinem „Titel“ als Jugendcoach. Und ehrlich, hätte ich mehr Zeit und Gelegenheit zur Fortbildung würde da auch Apple-Teacher/Google-Teacher/Ausbildung zum Trockenbauer/Informatiker etc. stehen. Ich habe schlicht Freude an Fort- und Weiterbildung.

          Das ich MIE bin weiß übrigens aus dem Kollegium vermutlich niemand. Ich bin auch noch nie darauf angesprochen worden.

          1. Aber Microsoft nutzt ihn doch in Verbindung mit Dir öffentlich (und öffentlichkeitswirksam).

            Und eine ganze Schule als „Microsoft Lighthouse School“, hat doch eine Wirkung auf Eltern, Schüler, Sonstige und kann doch auch seitens Microsoft wieder verwendet werden.

            Und dann ein Auftritt – als MIEE – auf einer Messe direkt für Microsoft. Ein Blogbeitrag dazu und öffentliche Tweets.

            Ist da nicht ziemlich naheliegend, dass bei Dritten Fragen und/oder Wahrnehmungen auftauchen könnten (auch über Dich als Person hinaus – und ohne Dich zu kennen)? Und eben dieser zu vermeidende Anschein entstehen könnte?

            Wir haben als Beamte viele Privilegien – aber diese eben auch, um anderseits diese hohen, gesellschaftlichen Ansprüche an uns stellen zu können. Davon abgesehen bleibt aber die Frage, was Microsoft damit bezweckt? So wie es Dir oder der Schule möglich wäre, diese Titel/Bezeichnungen abzulehnen oder gar nicht erst anzunehmen, wäre es für den Konzern möglich, auf derartige Lehrerprogramme mit ihrer Ausgestaltung bis hin zu Betitelungen zu verzichten. Beide Seiten scheinen aber einen Wert darauf zu legen, dass es dies in genau dieser Form gibt (also konzernnah & -exklusiv).
            Warum nur?

            Und der angedeutete „Ausweg“ möglichst vieler solcher Titel zu sammeln, hätte doch nur dann Sinn, wenn man sich eingesteht (eingestehen muss), dass eben doch der Anschein der Abhängigkeit/Einseitigkeit entsteht (entstehen könnte) und man diesem entgegen treten müsste. Das wäre dann eine „Scheinlösung“ für ein Problem, dass man sich selber eingehandelt hat, oder?

          2. Ich kann völlig nachvollziehen, wieso und dass du zu solchen Schlüssen gelangst.
            Aber bedenke bitte folgendes: Je nachdem, wen du fragst, erzählen dir die Leute, dass Angela „Wir schaffen das“ Merkel entweder eine einfache (christliche) Wahrheit ausgesprochen hat oder aber aktiv am Untergang des eigenen Landes arbeitet.
            Man hat immer jemanden, der etwas völlig anders interpretiert. Man könnte auch sagen: „Schau dir den Halbtagsblog an: Da wird seit zehn Jahren ein enorm positives Bild von Schule erzeugt. Da werden liebevolle Anekdoten von Schülern berichtet und der Lehrerberuf authentisch als gleichsam herausfordernd und spannend und erstrebenswert dargestellt.“ Ich wirke aktiv dem Gerhard „Lehrer sind faule Säcke“ Schröder entgegen. Ich schreibe aktiv gegen das „Frau Freitag lästert über ihre debile Kevin&Chantal-Hauptschulklasse“ an. Ich publiziere seit Jahren OER-Material, das mittlerweile hunderttausende Male heruntergeladen wurde.

            Man könnte den Blog/mich als Person/… auch so interpretieren.
            Die Wahrheit ist aber doch: Mich kennt niemand. Twitter kennt niemand. Das auf Twitter der Begriff „Rockstar“ gefallen ist, ist doch bestenfalls amüsant. In jedem durchschnittlichen Lehrerzimmer nutzt vielleicht ein einziger Lehrer Twitter und weiß überhaupt, was ein Blog ist. Das ist hier völlige Nische an der Grenze zur Bedeutungslosigkeit.

            Dein Ansatz ist: Schule muss unabhängig bleiben und am besten mit Linux, OER und freier Software arbeiten. Das ist legitim.
            Mein Ansatz ist: Ich will Schule voran bringen. Ich will das Beste für meine Schüler herausholen. Das geht meines Erachtens nur, indem ich mündig und kompetent mit Firmen ins Gespräch komme. Das habe ich in den letzten Jahren mit Microsoft genauso getan wie mit Klett, Cornelsen und vielen anderen. Ich halte auch das für legitim.

      1. Das höre ich nicht zum ersten Mal und kann es nicht ändern.
        Meine Perspektive ist eine andere: Ich habe jede Menge furchtbare Vorträge/Fortbildungen/… gehört, bei dem die Referenten hinterher ganz begeistert von der Aufmerksamkeit des Publikums waren. Und oft dachte ich: „Moment – die Leute um mich herum waren alle gelangweilt und entsetzt.“
        Ich glaube, als Referent ist es nahezu unmöglich, zu beurteilen, ob das jetzt für oder schlecht war und deswegen bin ich sehr, sehr vorsichtig, bevor ich mich hinstelle und prahle, wie toll mein Vortrag war.

  2. Durch das Killen der Desktop-Version aus dem Office Paket ist OneNote quasi tot. Appgelumpe als lächerliche Alternative. Eine weitere Sache, die MS gegen die Wand gefahren hat …

    1. Ich stimme dir im Ansatz zu, habe aber die Hoffnung, dass sie die App in den nächsten Monaten und Jahren auf das gleiche Niveau nachrüsten. Insbesondere Lokale Notizbücher und das direkte Bearbeiten eingebundener Dateien sind für mich essentiell.

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