Didacta

Didacta

23. Februar 2019 12 Von Jan-Martin Klinge

„Hast du heute was schönes erlebt?“, frage ich meine Tochter während ich ihr die Zähne putze. Sie nickt. „Nicht bewegen!“, schimpfe ich theatralisch und schrubbe weiter. „Was hast du denn heute gespielt?“ Sie gurgelt etwas. „Nicht sprechen!“, schimpfe ich und als sie lacht: „Nicht lachen!“.

Ziemlich genau neun Jahre ist es her, dass ich als kleiner Junge vom Dorf das erste Mal auf die Bildungsmesse Didacta gereist bin. Als Lehramtsanwärter bin ich mit großen Augen neben 100.000 anderen Besuchern durch die Messe gestolpert – gerade frisch im Beruf und ohne viel Sinn und Verstand. Meine älteste Tochter war damals vier Jahre alt und ganz wunderbar.

Dieses Wochenende war ich also erneut auf der Didacta. Ein großer Junge vorm Dorf, nicht mehr so frisch im Beruf aber immer noch ohne viel Verstand. Diesmal nicht zum Staunen, sondern als Referent, als Speaker.
Microsoft hat mich eingeladen, etwas über meine Erfahrung im Schulalltag mit OneNote zu erzählen. Mich? Mich?? Ich bin immer noch und immer wieder erstaunt. Albert Einstein sagte mal etwas wie es gäbe zwei Arten zu Leben: Entweder betrachte man nichts als Wunder oder man würde alles als Wunder ansehen.
Ich gehöre ganz sicher zur letzteren Kategorie. Es ist ein Geschenk, Lehrer sein zu dürfen, kreativ arbeiten zu dürfen, sich mit so vielen Menschen austauschen zu dürfen. Zur Unterrichtsvorbereitung nutze ich OneNote seit Studientagen und an meiner Schule auch intensiv zur Organisation von Schule. Das ist herausragend praktisch und spart uns in der Praxis wahnsinnig viel Zeit und ich durfte auf der größten Bildungsmesse Europas was darüber erzählen?! Wahnsinn!

Nach langem Schul- und Konferenznachmittag ging es Freitag in aller Eile gut los. Gehetzt kam ich am Bahnhof an, war in Gedanken schon bei meinem Vortrag und stieg prompt in den falschen Zug. Ich meine: Ich komme vom Dorf. Wir haben nur ein Gleis. Das ist nicht so richtig kompliziert. Wissen die, wen die da eingeladen haben?, fragte ich mich nicht zum ersten Mal an diesem Tag.
Als ich spät auf dem Messegelände ankomme, fragen mich die Pförtner, ob ich wirklich noch hinein wolle und sehen mich skeptisch an. Und endlich, nachdem ich Halle und Stand gefunden habe, treffe ich Stefan Malter wieder und es gibt so Menschen, mit denen setzt man auch nach Monaten ein Gespräch einfach nahtlos da fort, wo man zuletzt aufgehört hat. Ganz viel Liebe!

Bei allem Spaß am Herumreisen und Vorträge halten und Workshops gestalten – solche Einladungen ehren mich sehr, bedeuten aber auch maximalen Stress. An diesem Abend besichtige ich Vortragsort und spiele die Technik durch. Im Schnelldurchlauf hetze ich probehalber durch meinen Vortrag und schaue, ob man alle Folien lesen kann und tausend weitere Kleinigkeiten. #Tunnelblick. Vom Rest der Didacta sehe ich nichts.
Abends dann spontanes Essen-gehen mit vielen #Twitter-Kollegen. Aber auch das kann ich nur halb genießen – diese Art Anspannung führt dazu, dass ich nichts essen kann. Nach einem netten Abend verabschiede ich mich etwas früher, als es die Etikette erlaubt (aber im #Twitterlehrerzimmer sitze ich sowieso eher unscheinbar am Rand) und gehe bis tief in die Nacht meinen Vortrag nochmal durch. Und nochmal. Ich missbrauche den Fernseher des Hotels als Projektionsfläche und lerne die Folien auswendig. Tunnelblick. Wie beim Staatsexamen.
Das hört sich sicher völlig absurd und übertrieben an – aber ich kann da nicht anders. Wenn man mich schon einlädt, dann muss das am Ende auch wirklich gut sein. Dumme Fehler, die auf schlechte Vorbereitung zurückzuführen sind, verzeihe ich mir nicht.

Den Samstag verbringe ich im Wechsel von völliger Apathie und Fokussierung auf meine Arbeit und unglaublich netten, aufheiternden Gesprächen mit vielen Kollegen und alten Bekannten. Wie jedesmal viel gelernt, neue Einblicke gewonnen und zwischendurch auch einfach mal unverbindlich geplauscht. Von der Didacta bekomme ich ansonsten wirklich gar nichts mit – die Vielzahl an Eindrücken würden mich völlig überfordern und mich in erster Linie ablenken. Ich bin vermutlich die ganze Zeit über ein schlechter Gesprächspartner gewesen – immer in Erwartung, dass mich jemand von hinten greift und sagt: „Tut uns leid, Herr Klinge, aber das ist wohl ein Missverständnis! Wir hörten, sie können nichtmal alleine bahnfahren?!“
Lichtblick heute war der Plausch mit Sebastian Schmidt und Florian Nigl, die mir lachend sagten, es ginge ihnen oft ähnlich. Die Austausch mit Leuten, die selbst experimentieren, forschen, ihren eigenen Unterricht immer wieder überarbeiten und verändern und dabei grundsätzlich Lust auf Unterricht verströmen und anderen Mut machen – das tut einfach gut.
Ich glaube, meine Vorträge liefen letztlich prima – aber ich weiß, dass man das als Akteur nur sehr schlecht beurteilen kann. Ich habe schon oft in grottigen Vorträgen gesessen, mich mit meinen Nachbarn gelangweilt und hinterher von Seiten der Referenten gehört „Man, ich bin total zufrieden! Alle haben so konzentriert zugehört!“
Ich zweifle da an meinem eigenen Urteil. Zumindest war die Bude gerammelt voll, es wurden im Nachgang sehr viele Fragen gestellt und ich habe einige nette Worte gehört.  Inhaltlich habe ich einfach nur erzählt, wie ich arbeite. Nichts, was nicht auch seit Jahren hier im Blog stünde. Stefan Malter hat das ganze aber auch sagenhaft anmoderiert. „In drei Minuten geht es hier los! Und hier vorne sind noch zwei freie Plätze!“ Einmal mehr von ihm ganz viel über Moderation, Journalismus und Medien gelernt. Zum niederknien und nicht in Worte zu kleiden!

Abends im Zug bin ich wirklich platt. Und dann auch hungrig. Als ich zu Hause ankomme, werfe ich die Tasche in die Ecke und widme mich zuerst meiner jüngsten Tochter. „Hast du heute was schönes erlebt?“, frage ich meine Tochter während ich ihr die Zähne putze. Sie nickt. „Nicht bewegen!“, schimpfe ich theatralisch und schrubbe weiter. „Was hast du denn heute gespielt?“ Sie gurgelt etwas. „Nicht sprechen!“, schimpfe ich und als sie lacht: „Nicht lachen!“. So geht das hin und her.

Inzwischen ist sie vier Jahre alt. Die Zeit rast. Mir tut jeder Abend weh, den ich nicht zu Hause verbringen kann. Die vergangenen Wochen waren irre intensiv. Aber jetzt ist es angebracht, etwas zurückzuschalten. Wieder mehr den Fokus auf die Dinge zu legen, die mir wirklich wichtig sind.

Gute Nacht, ihr Lieben!

Es war mir eine Freude!


Disclaimer: Ich arbeite nicht für Microsoft. Mein Vortrag war ein reiner Erfahrungsbericht, der in dieser Form auch seit Jahren (der älteste ist nun fast 10 Jahre alt!) auf diesem Blog und vielen anderen Blogs zu finden ist.