Vorbilder am Mittagstisch.

Vorbilder am Mittagstisch.

8. März 2019 3 Von Jan-Martin Klinge

Ausgehend von einem ganz wunderbaren Bild und einem ganz schrecklichen Kommentar bei Twitter habe ich meine Schülerinnen und Schüler heute gefragt, was sie für Vorbilder hätten. Einige Jungs nannten Youtuber. Viele sagten, ihre Eltern seien Vorbilder. „Meine Mama ist manchmal streng aber hat mich lieb. Die passt auf, dass ich keinen Quatsch mache, darum ist die mein Vorbild!“ Eine Schülerin nannte einen Lehrer als Vorbild, weil er das Beste aus ihr herausholen würde und ein Schüler nannte einen Siebtklässler als sein Vorbild. „Mein Vorbild ist der Cemal aus der 7e! Der ist immer freundlich, irgendwie immer zu sehen und auch Schulsprecher. Das will ich auch werden!“

Ganz großartig! Bei Gelegenheit werde ich das Cemal erzählen. Ich überlege, eine Art „People who inspired me“-Wand im Klassenraum einzurichten, die uns unsere Vorbilder präsent hält. Wo wollen wir hin? Was treibt uns an?

Außerdem auf Twitter: Ein User schreibt:

Mein Kind kommt erst in 3 Jahren in die Schule. Und ich weiß schon jetzt, was mich dort erwartet. Das gleiche, was ich erlebt habe. Mit dem Unterschied, dass ich auf den Kampf vorbereitet bin. Beim ersten Fehlverhalten steht die Leitung zum Kultusministerium. Punkt.“

Und darunter kommentiert jemand:

„[…] Es ist wichtig, dass Eltern sich vernetzen und nicht jede Familie bei Null anfängt. Nur so können Missstände im Schulsystem behoben werden.“

Liebe mitlesende Eltern,
viele Dinge sind wichtig. Auch vernetzen ist wichtig und manchmal ist es auch wichtig, für die Rechte seines Kindes zu kämpfen. Aber dieser erste Beitrag ist eine absolute Katastrophe und ausgehend von diesem Text ist die Schulkarriere des Kindes vorprogrammiert. Eine „self-fulfilling prophecy“. Wie geht dieses Kind in seinen ersten Schultag?

Das wichtigste, was Sie Ihrem Kind, das bald in die Schule kommt, mitgeben können, ist eine große Lust auf Schule. Eine große Lust auf Lernen. Die Erwartung schüren, dass man viele neue Freunde kennenlernt. Das man wie durch Zauberei „Lesen“ lernt. Und richtiges „rechnen“. Bis Tausend! Und das man forschen lernt. Und entdecken. Und Exkursionen macht. Und das man in der Schule die ganze Welt kennenlernt.
Wie geht ein solches Kind in seinen ersten Schultag?

Das betrifft in gleichem Maße uns Lehrer.
Eine Klasse, die ich mit „Ach, ihr seid die Chaoten-Klasse“ begrüße, verhält sich exakt so. Ich halte es für völlig legitim, zahlreiche Lieblingsklassen zu haben. Und ich erzähle ihnen auch oft, ich hätte viel Gutes gehört und sie könnten so unglaublich leise arbeiten. Und wie verhalten sie sich dann wohl

Die innere Haltung ist ein wahnsinniger Antreiber – in beide Richtungen.
Es tut mir leid, dass die Schulzeit des Twitterers ihn hat bitter werden lassen. Dass er Schule als ätzend, ungerecht und herabwürdigend empfand. Aber – Herr im Himmel – bitte gebt diese Wunden nicht an eure Kinder weiter. Schule kann ein wundervoller, anstrengender, zauberhafter Ort sein an dem man Wissenschaft betreibt und Kunst erschafft und Gedichte liest und Sprachen singt und Freunde trifft und mit anderen Ländern telefoniert und Projekte startet. Aber man muss das auch erwarten.