Das Geschäft mit der Angst.

Das Geschäft mit der Angst.

1. Juni 2019 6 Von Jan-Martin Klinge

Ich habe Angst.
Ziemlich große sogar. Privat vor allem. Wenn ich sehe, wie wackelig meine Tochter Fahrrad fährt. Wenn ich darüber nachdenke, wie sorglos meine Jüngste durch das Leben läuft. Sie weiß nichts von giftigen Pflanzen, Knochenbrüchen und Ertrinken. Sie balanciert auf Geländern, singt und springt und wirft sich mit der Gewissheit ins Wasser, dass ihr Papa sie rausholt. Ich habe Angst vor Krankheit. Unglück. Unzufriedenheit. Beruflich vor allem. Wenn ich länger als zwei Minuten über eine Klassenfahrt nachdenke, wird mir ganz mulmig. Was da alles geschehen kann. Verantwortlich für 30 Kinder? Ich? Oder auf dem Schulhof. Wann war mein letzter Erste-Hilfe-Kurs? Schulleitung bedeutet auf, sehr, sehr viel Verantwortung. Was, wenn ich dem nicht gerecht werde?

Angst!
ANGST!!!

Eine Auswahl erfolgreicher deutscher Sachbücher der letzten Jahre gefällig?

  • „Deutschland schafft sich ab.“
  • „Feindliche Übernahme.“
  • „Der neue Tugendterror.“
  • „Die Smartphone-Epidemie“
  • „Digitale Demenz“
  • „Cyberkrank“
  • „Anna, die Schule und der liebe Gott: Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern“
  • „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“
  • „SOS Kinderseele“
  • „Tyrannen müssen nicht sein: Warum Erziehung allein nicht reicht.“
  • „Das Problem sind die Lehrer“
  • „Deutschland verdummt: Wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut“

Sarrazin. Spitzer. Precht. Winterhoff.
Deutschlands intellektuelle Autoren-Elite. Das Begriff „German Angst“ hat einen eigenen Wikipedia-Artikel. In den Bundesländern mit dem geringsten Anteil an Ausländern ist die Angst vor denselben am größten. In Deutschland sterben jedes Jahr rund 150.000 Menschen direkt an den Folgen von Rauchen und Alkohol – aber Angst haben wir vor dem islamischen Terrorismus. Rational ist das nicht erklärbar.

Mit der AFD stiftet eine Partei in Deutschland ihr antidemokratisches Unwesen, deren Geschäft fast ausschließlich auf Angst beruht. Einschüchterung, Aufstachelung gegen Lehrer, Lügen, Verleumdung, Parteispendenskandale. Eigene Wahlplakate abreißen und die Grünen beschuldigen, aber  „Mut zur Wahrheit“ fordern. Applaus! Applaus! Ich empfehle den Volksverpetzer in den Feedreader aufzunehmen. Unermüdlich wird dort argumentativ gegen die Angst angeschrieben. Anstrengende Lektüre – aber wichtig.

Ich kann gar nicht soviel Angst haben, wie ich müsste oder die Weisen dieser Lande mir anempfehlen.

Manchmal frage ich mich, ob Sarrazin, Spitzer und Winterhoff privat auch so ängstlich sind. Also, wenn sie jetzt hier bei mir auf der Terrasse säßen. Glucksen sie dann über ihre Buchverkäufe, prosten sich zu und lachen über die Deppen, die ihre Bücher kaufen? Oder werfen sie immer wieder mal ängstliche Blicke in Richtung Wald – ob da vielleicht ein Ausländer oder Jugendlicher mit Handy oder ein unerzogenes Kind aus den Büschen springt (vielleicht alles in einer Person? -Wäre das dann Glück oder Unglück? Das wäre dann quasi eine philosophische Diskussion für Precht.)

Ich arbeite an einer Gesamtschule in einer typischen Arbeiterstadt. Kein katholisches Landgymnasium. Keine evangelische Privatschule. Wenn ich an meine Schüler und ihre Eltern denke, empfinde ich weder Angst noch Überforderung. Sondern viel Liebe. Wir haben die gleichen Höhen und Tiefen wie an vielen anderen Schulen auch. Ehemalige, frustrierte Lehrer die aus der Angst heraus Bücher wie Abrechnungen schreiben, halte ich für ganz schlechte Ratgeber. Ja, so mancher Lehrer ist mit seinem Schülerklientel überfordert. Das ist nicht schlimm – dann lässt man sich dahin versetzen, wo es besser passt. Ich kann mir auch Schulen vorstellen, die mich erstarren ließen. Da sind dann halt andere Lehrertypen gefragt.

Nicht falsch verstehen: Man darf Angst haben. Man sollte sogar Angst haben. Aber die Konsequenz kann doch nicht lauten, allen anderen Menschen auch Angst machen, oder, Herr Winterhoff? „Sie haben Angst vor Spinnen? Oh weh! Schreiben Sie ein dramatisches Buch, indem sie möglichst vielen Menschen diese Angst vor Spinnen näherbringen!“

Angst ist übrigens gar kein neues Phänomen: In der  „rettet-das-Abendland“-antiken Bibel findet sich der Satz „Fürchte Dich nicht!“ exakt 366 Mal. Einmal für jeden Tag des Jahres. Funktioniert sogar im Schaltjahr. ziemlich häufig. Angst hatten die Menschen wohl zu jeder Zeit.
(Nebenbei bemerkt: Persönlich finde ich das ziemlich spannend, dass dieses alte Buch voller Geschichten über Menschen und ihre Irrungen immer noch so zeitgemäß scheint. An vielen Stellen sind wir viele Schritte weiter gekommen – aber an anderen tanzen wir immer noch um das gleiche, goldene Kalb wie damals. Nur, dass unser Kalb heute Bluetooth und 5G hat.)

Disclaimer: Auslöser dieses Artikels ist dieser Artikel aus der Zeit und ungefähr eine Million Artikel vom Volksverpetzer und Bildblog.