5 Minuten Schulleitung: Chauffeurs-Wissen

Das neue Schuljahr beginnt und ich versinke in administrativen Aufgaben, noch bevor der erste Schultag startet. Zum Glück habe ich im letzten Jahr fleißig mitgeschrieben, so dass ich jetzt meist mehr als nur eine Ahnung habe, wie was getan werden muss.

Meine Situation erinnert mich an eine amüsante Anekdote über den Chauffeur von Max Planck. Max Planck war ein sehr berühmter Physiker (die meisten werden vom „Max-Planck-Institut“ schonmal gehört haben), der 1918 den Nobelpreis für seine Arbeit zur Quantenmechanik gewann. Planck wurde in den folgenden Jahren an viele Orte eingeladen, um darüber zu referieren. Und wo auch immer er landete, stets hielt er den gleichen Vortrag. Immer mit dabei: Sein Chauffeur.

Nach dem zehnten Vortrag konnte dieser jedes Wort mitsprechen und als Planck und er eines Tages in München landeten, machte der Chauffeur dem Wissenschaftler einen amüsanten Vorschlag: „Herr Professor, es ist doch sicher langweilig, nun zum x-ten Mal den gleichen Vortrag zu halten. Wie wäre es mit einem kleinen Experiment? Ich halte Ihre Rede und Sie nehmen dafür meine Mütze und hören zu?“

Planck war diesem Scherz nicht abgeneigt und setzte sich, dem Vernehmen nach, in die erste Reihe. Sein Chauffeur hielt den Vortrag absolut perfekt und erhielt kräftigen Applaus (wir müssen bedenken: Das war die Zeit vor Youtube, Instagram und sogar vor dem Fernsehen. Niemand hätte Planck auf der Straße erkannt!).
Ein untersetzter Physikprofessor meldete sich im Anschluss und stellte dem berühmten Professor Planck eine komplizierte Frage. Ein Moment der Stille. Ich stelle mir vor, wie der Chauffeur in Schweiß ausbricht und zugeben muss, dass sie die Leute zum Narren gehalten haben. Der jedoch wiegelte ab: „Aber, aber“, sagte er betont lässig, „diese Frage ist ja so unerhört einfach – sogar mein Chauffeur könnte sie beantworten!“ und damit deutete er auf Planck, der sich die Szene amüsiert angeschaut hatte.

Eine lustige Geschichte – aber auch eine, die mich nachdenken lässt. Denn sie offenbart, dass es unterschiedliche Formen von Wissen gibt. Der Chauffeur kannte jedes Wort des Vortrags und war in der Lage, alles korrekt wiederzugeben – aber verstanden hatte er nichts. Es war kein echtes Wissen.

In der Schule begegnet mir Chauffeur-Wissen jeden Tag. Schüler, die auswendig gelernte Merksätze abspulen können („a² + b² = c²“) aber durch (vermeintlich) leichte Fragen völlig aus der Spur geraten. Und auch im Berufsleben erleben wir solches – Menschen, die ein oberflächliches Wissen zur Schau stellen ohne den tieferen Sinn wirklich verstanden zu haben (meine Frau würde hinzufügen, dass einem solches auch in einer Ehe begegnen kann, aber das sehe ich anders!).

Im letzten Schuljahr habe ich eine neue Stelle angetreten und dies bedeutete auch: Ich verließ den Bereich, indem ich wirklich kompetent bin. Mich erwarteten neue Aufgaben, neue Kollegen und eine neue Schule. Ich musste neue Software anlernen und neue Curricula lernen und schreiben. Tausend neue Dinge.

Heute bin ich schon ein Stück weit aus der Chauffeurs-Rolle hinausgewachsen und muss mich trotzdem immer wieder fragen: Stelle ich noch Chauffeur-Wissen zur Schau – oder habe ich mir schon Planck-Verständnis angearbeitet? Welche Dinge habe ich wirklich grundlegend verstanden?

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