Tabletschule im Aufbau #13: Hacker im Anmarsch

„Herr Klinge, Herr Klinge! Das müssen Sie sich ansehen!“

So eindringlich werde ich selten aus meinem Dämmerschlaf Unterricht geholt – es musste also um etwas wichtiges gehen!

Mit Beginn dieses Schuljahres haben wir an unserer städtischen Gesamtschule Tabletklassen eingeführt. Nach viel intensiver Vorarbeit (die hier nachzulesen ist), hat mittlerweile jeder Fünftklässler ein eigenes Gerät. Aus verschiedenen Gründen nutzen wir Windows-Computer – einer davon liest sich in einem aktuellen SPIEGEL-Artikel:

Seit dem Kleinkindalter wischen sie über Touchscreens, schreiben blind beim Fahrradfahren Nachrichten, liken Blogbeiträge und machen mit Tinder das nächste Date klar – viel mehr brauchen sie für ihren Alltag nicht. Allenfalls beim Freiräumen von Speicher für neue Fotos sind sie gezwungen, sich mit der Technik ein wenig auseinanderzusetzen.

Dem wollten wir mit unserem Konzept ganz bewusst und von Anfang an entgegentreten. Der Computer wird tagtäglich als Werkzeug benutzt und immer wieder um Fähigkeiten erweitert – zuletzt haben wir den Kindern den Kalender und seine Funktionen vermittelt.

Ich selbst halte mich für einen recht erfahrenen Anwender. Seit Kindesbeinen an bastel ich an Computern herum und habe allein aus Neugierde schon allerhand gesehen oder selbst gemacht. Heute hat mir einer unserer Fünftklässler allerdings etwas gezeigt, von dem ich auf Anhieb nicht wüsste, wie er das hinbekommen hat. Denn, was auch immer er getan hat, ich bestaune das Endergebnis: Auf Knopfdruck spuckt sein Computer eine gefälschte Nachricht aus, es sei ein Virus gefunden worden.

Schön echt mit Rechtschreibfehler aus der Klasse 5.
Durch weitere aufpoppende Fehlermeldungen wird man aufgefordert, ein Virenschutzprogramm herunterzuladen, es wird der Fortschritt des Programms angezeigt und am Schluss dessen Versagen und die Entfernung aller Passworte und Dateien mitgeteilt, bevor schließlich und endlich eine Nachricht über den Spaß aufklärt.

Ich habe keinen Schimmer, wie der das gemacht hat. Null.

Aber ich beobachte, wie einige Schüler ihre Grenzen austesten. Spielen. Forschen. Besser werden und mich, obwohl ich mich seit dreißig Jahren mit den Geräten herumschlage, in einigen Bereichen schon überholt haben. Das ist verrückt.

Es fühlt sich an, als hätten wir den Kindern gewaltige Tore zu unfassbarem Potenzial geöffnet: Los! Lauft! Tut! Werdet!
Es könnte sein, dass sich meine Aufgabe in den nächsten Jahren weg bewegt vom Vermitteln von Inhalten hin zu: „Wie gehe ich verantwortungsvoll mit den Möglichkeiten um?“ Oder konkret: Meine Arbeit muss darin bestehen, dass dieser Fünftklässler mit seinem Potential später kein Geld verdient, indem er Malware in PCs einschleust und dafür BitCoin fordert, sondern indem er ein großartiger Informatiker wird.

 

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